Energiekrise: Deutschland sollte Erneuerbare und Partnerschaften ausbauen
Wie lässt sich die europäische Souveränität im Energiebereich stärken? Kim Lakeit skizziert zwei Lösungswege.
Der Iran-Krieg zeigt es: Das Globale Energiesystem basierend auf Öl und Gas ist höchst krisenanfällig. Kim Lakeit, Leiterin der Stabsstelle Internationale Kooperationen, skizziert zwei Lösungswege für eine Stärkung der europäischen Souveränität im Energiebereich.
Die Zahl der Kriege weltweit ist auf einem Höchststand seit dem zweiten Weltkrieg. Immer wieder geht es dabei auch um den Zugang zu Ressourcen wie Wasser, Rohstoffen und insbesondere fossilen Energieträgern. Die Verfügbarkeit von Öl und Erdgas ist entscheidend für die wirtschaftliche Stabilität sowohl von Import- als auch von Export-Ländern.
Die monatelange Sperrung der Straße von Hormus, gestörte Lieferketten für Erdgas infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, die Attacken der Huthi-Rebellen auf Tankschiffe oder auch die Sprengung der Nordstream-Pipeline belegen, wie schnell regionale Konflikte die Energiemärkte weltweit massiv stören können. Sowohl die deutschen Endverbraucher und Endverbraucherinnen als auch die deutsche Wirtschaft spüren die Preisanstiege dann im Alltag sofort.
Viele Risiken durch Abhängigkeit von fossilen Energien
Die Abhängigkeit von Energieimporten birgt aber noch tiefere Sicherheitsrisiken. So ist der Aufwuchs des Militärs direkt mit der energieintensiven Produktion von Stahl und anderen Gütern verknüpft. Im Verteidigungsfall – oder wahrscheinlicher einem NATO-Bündnisfall – brauchen Kampfflugzeuge, Panzer, Fregatten und die gesamte dahinterliegende Logistik eine sichere Treibstoffversorgung. Stell dir vor: Es ist Krieg, und der Tank des Kampfjets bleibt leer.
Die russischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur, aber auch umgekehrt die ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien, zeigen eindrücklich, welche Bedeutung Energie im Krieg hat.
Neben der Abhängigkeit von Energieimporten ist auch die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen wie seltenen Erden ein großes Risiko für die europäische Sicherheit. Eine Zahl aus dem Draghi-Bericht zur Zukunft der Wettbewerbsfähigkeit der EU macht das deutlich: Rund die Hälfte aller Importe in die EU stammt aus Ländern, mit denen keine strategische Partnerschaft besteht.
Zwei Ansätze für mehr Resilienz
Was bedeutet das für unsere Sicherheit? Trotz aller Diskussionen und Initiativen auf EU- und nationaler Ebene ist Europa weiterhin stark abhängig von Importen fossiler Energien, kritischer Rohstoffe und zentraler technologischer Komponenten und somit höchst verwundbar bei Preisschocks und Störungen der Lieferketten. Zwei Wege sollte Deutschland daher einschlagen, um diese Risiken zu reduzieren.
1. Die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten reduzieren
Die erste interdisziplinäre Klimarisiko-Einschätzung (NIKE) des Bundesnachrichtendienstes (BND) und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) wie auch etablierte Formate wie der Global Risk Report des Weltwirtschaftsforum fordern klar: Der Wechsel zu größerer Selbstversorgung – und das bedeutet für Deutschland der Wechsel zu erneuerbaren Energien – erhöht die Energiesicherheit deutlich. Ob nun Sicherheits- oder Freiheitsenergie genannt, eine erneuerbare Energieversorgung gibt Deutschland Macht über sich selbst zurück.
Die Beschleunigung der Kreislaufwirtschaft könnte darüber hinaus die Abhängigkeit von weiteren strategischen Gütern signifikant senken. Wichtige Schritte zur Nachhaltigkeit im Produktdesign, konsequentes Recycling und das Fördern der Forschung bei der Entwicklung von Substituten liegen in der europäischen, aber vor allem auch deutschen DNA, und müssen forciert werden.
2. Bestehende und neue Partnerschaft klar an strategischen Zielen der europäischen Souveränität ausrichten
„Nostalgie ist keine Strategie“, so hat der kanadische Premier Mark Carney bei seiner vielbeachteten Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine Antwort auf eine sich schnell wandelnde Weltordnung gegeben. Daran anlehnend sollte Deutschland existierende Partnerschaften stärker strategisch ausrichten und neue schließen.
So sollten Partnerschaften mit vertrauenswürdigen und etablierten Partnern in Europa aber auch der Nato zum gemeinsamen Lernen und Austausch zum Steigern der Resilienz unseres Energiesystems und der Lieferketten allgemein genutzt werden.
Gemeinsam Energie- und Cybersicherheit stärken
Hierbei kann die dena ihre internationale Expertise einbringen und die Bundesregierungen unterstützen. Drei Beispiele:
- Über die deutsch-polnische Energieplattform tauschen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aus Deutschland, Polen und anderen Ostsee-Anrainerstaaten zu Fragen der Energiesicherheit aus und entwickeln gemeinsame Strategien.
- Da Angriffe auf unsere digitalen Systeme nicht an Grenzen Halt machen, bringt die dena Cybersicherheits-Expertinnen und -Experten aus Deutschland, Moldau und der Ukraine zum Capacity Building zusammen.
- Das ist auch das Ziel eines neuen Formats mit Kanada, Australien und Großbritannien mit einer gemeinsamen Cybersicherheitsübung – beide Aktivitäten führt die dena im Rahmen der bilateralen Energiepartnerschaften im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) durch.
Partnerschaften ausbauen und neue Partner finden
Eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Staaten des Mercosur-Abkommens, Indiens oder der ASEAN-Region erschließt neue Märkte für deutsche Unternehmen und fördert damit die wirtschaftliche Stabilität Europas. Mit vielen dieser Länder haben wir schon etablierte Partnerschaften, mit anderen sollten diese geschaffen bzw. intensiviert haben. Mit dem strategischen Ziel, Lieferbeziehungen zu diversifizieren und den Zugang zu neu erschlossenen Rohstoffvorkommen und Wertschöpfungsketten zu sichern.
Dabei lohnt sich für Deutschland im Team Europa die verschiedenen Stärken der Nationalstaaten noch besser gemeinsam zu nutzen. Beispielsweise hat Deutschland keine großen Bergbau-Unternehmen wie Frankreich und kann daher Wertschöpfungsketten nur im Verbund für Europa sichern. Gemeinsame Investitionen in eine Batterie-Wertschöpfungskette mit Indonesien würden die europäische Position im Pazifik stärken und gleichzeitig den Zugang für deutsche Abnehmer erheblich erleichtern. Da in vielen Kooperationsländern der dena Energie und Rohstoffe im selben Ministerium liegen, könnten in Zukunft etablierte Beziehungen auf neue Themenfelder ausgeweitet werden.
Zusammenarbeit mit benachbarten Regionen stärken
Schließlich werden Lieferketten auch durch die räumliche Nähe weniger störanfällig. Eine zielgerichtete Zusammenarbeit mit der direkten Nachbarschaft der EU wie z. B. den Maghreb-Staaten kann somit sichere Importkorridore schaffen, die direkte Stabilität der Außengrenzen stärken und durch Anwenden von Standards einen Markt für deutsche Lösungsanbieter noch zugänglicher machen. Die dena unterstützt im Rahmen des Projekts „Europäische Wasserstoff-Importkorridore“ das BMWE eng dabei, die Finanzierung von Wasserstoffproduktion und -infrastruktur in Algerien und Tunesien zu realisieren, im engen Verbund mit den europäischen Partnern Italien und Österreich.