Wasserstoffhochlauf: Zwischen Erwartung und Realität
Was fünf Jahre Forschung und industrielle Praxis in den Reallaboren lehren (Trans4Real)
Fünf Jahre Begleitforschung, industrielle Praxis, klare Befunde – der kommende Abschlussbericht der Transferforschung der Reallabore zeigt, was noch gebraucht wird, damit der Wasserstoffhochlauf gelingt. Konstantin Brosch, Wasserstoff-Experte bei der dena, gibt ein Preview.
Gemeinsam mit dem Forschungskonsortium Trans4ReaL begleitet die dena die Reallabore der Energiewende im Bereich Wasserstoff als Partner für externe Vernetzung, Kommunikation und Wissenstransfer. Die Erkenntnisse aus der Arbeit der Reallabore zeigen Herausforderungen auf, die bei der Umsetzung im industriellen Maßstab entstehen. Was ist technisch machbar? Wo liegen Grenzen hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit und was sind mögliche Herausforderungen bei der Gesetzgebung? Ähnlich wie wir es in unserer Analyse zu Anreizmechanismen für Wasserstoffprojekte beschrieben haben, gilt auch hier: Die entscheidenden Fragen sind vor allem wirtschaftlicher und regulatorischer Art.
In vielen der untersuchten Projekte konnten positive finale Investitionsentscheidungen getroffen werden. Auch die ersten Elektrolyseure sind schon in Betrieb, wie im Falle von Trailblazer in Oberhausen, oder werden aktuell gebaut, wie beim Energiepark Bad Lauchstädt. Doch aus den Projekten haben wir auch gelernt, wo es noch hakt und welche Hürden dem Hochlauf entgegenstehen.
Drei Herausforderungen, ein gemeinsames Muster
Erzeugung bleibt teurer als erwartet
Strombezug, unterschätzte Investitionskosten, hohe Finanzierungsriskiken
Nachfrage ensteht nicht von allein
Fossile Alternativen bleiben günstiger, Instrumente wirken nur punktuell
Infrastruktur: Umsetzung offen
Kernnetz beschlossen, aber Timing und Dimensionierung bleiben unsicher.
Erzeugung: Der Strombezug bestimmt die Kostenrealität
Die Herstellung von erneuerbarem Wasserstoff ist und bleibt kostenintensiv. Der Strombezug ist der dominante Kostentreiber, verstärkt durch komplexe Bezugskriterien. Dazu kommen Investitionskosten, die bei Elektrolyse-Projekten unterschätzt wurden. Weil das Risiko aus finanzieller Perspektive hoch bleibt, sind auch die Finanzierungskosten entsprechend hoch – regulatorische Unsicherheiten erhöhen sie noch weiter.
Off-take: Ohne verlässliche Nachfrage kein Hochlauf
Die Zahlungsbereitschaft auf der Nachfrageseite ist begrenzt, solange fossile Alternativen günstiger bleiben. Instrumente wie die Treibhausgas-Quote können punktuell wirken, verlieren aber durch Preisvolatilität und Planungsunsicherheit an Wirkung. Für die Industrie existieren zwar ambitionierte Zielvorgaben zum Einsatz erneuerbarer Energien. Die politischen Instrumente, die daraus verlässliche, langfristige Abnahmeverpflichtungen machen, fehlen bisher weitgehend.
Infrastruktur: Das Kernnetz steht – theoretisch
Mit dem Planen des Wasserstoff-Kernnetzes wurde eine wichtige Grundlage geschaffen. Gleichzeitig bleiben Unsicherheiten: Dimensionierung und Realisierungszeitplan hängen maßgeblich davon ab, wie sich H2-ready-Kraftwerkskapazitäten entwickeln. Bei der Speicherinfrastruktur liegen die Herausforderungen weniger auf der technischen als auf der wirtschaftlichen Seite. Denn die Abnahmemengen und Rahmenbedingungen sind noch zu unsicher.
Der Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft muss aktiv und vorausschauend gemanagt werden. Er erfordert kohärente, verlässliche Rahmenbedingungen, die Erzeugung, Nachfrage und Infrastruktur gemeinsam adressieren – und das gleichzeitig, nicht nacheinander.
Fünf Jahre Praxiswissen als Einladung an die Politik
Mit dem dritten und abschließenden Bericht der Transferforschung Trans4ReaL liegt bald eine übergreifende Synthese vor, gezogen aus fünf Jahren wissenschaftlichem Begleiten der Reallabore. Der Abschlussbericht schließt an die Berichte aus 2023 und 2024 an und verdichtet die Erkenntnisse zu einer konstruktiven Bilanz. Alle Berichte und mehr Informationen finden sich auf der Website des Transferprojekts.
Was Trans4ReaL gesammelt hat, ist mehr als ein Forschungsbericht. Es ist eine Einladung an Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die richtigen Schlüsse zu ziehen – auf der Grundlage dessen, was in der Realität funktioniert hat und was nicht. Die Botschaft ist klar: Technologie allein reicht nicht. Was fehlt, sind die Rahmenbedingungen, die Investitionen erst möglich machen.
2. Kongress der Wasserstoff-Reallabore – 12. Mai 2026
Die Ergebnisse des Abschlussberichts werden auch im Rahmen des 2. Kongresses der Wasserstoff-Reallabore am 12. Mai 2026 in der Berliner Kulturbrauerei vorgestellt und mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft diskutiert. Unter anderem wird es interaktive Workshops zu den Themen Abnahmesicherung, Finanzierung, und Zertifizierung geben. Eine ideale Gelegenheit, fünf Jahre Praxiswissen zusammen zu bringen.
Den Erkenntnissen eine Stimme geben – unser Podcast
Viele der Fragen, die in den letzten Jahren aufkamen, haben wir im Begleitpodcast des Projekts schon in Gesprächen erkundet – mit Akteuren aus Wissenschaft, Wirtschaft und Praxis. Vom Mittelstand bis zu Häfen, von Regulierung bis zu konkreten Projekterfahrungen: Der Podcast „Wissen schafft Energie" macht die Erkenntnisse aus den Reallaboren hörbar.
Wissen schafft Energie
Der Innovationspodcast aus den Reallaboren der Energiewende – mit Gesprächen zu Wasserstoff im Mittelstand, Häfen als Infrastrukturknoten, Regulierung und mehr. Im Anschluss an den Kongress werden wir nochmal mit unseren Gästen ein Resumé aus 5 Jahren Reallaboren ziehen.
Dieser Beitrag basiert auf den vorläufigen Erkenntnissen des Abschlussbericht der Transferforschung Trans4ReaL (Bericht 3/3). Die Berichtsserie begann mit Bericht 02/2023 und wurde mit Bericht 04/2024 fortgesetzt.
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