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Zehn Menschen mit Schaufeln vor einem haufen Erde zelebrieren den Spatenstich für das Projekt United Heat
Infrastruktur Global vernetzen

Deutsch-Polnisches Pilotprojekt: Fernwärme über Grenzen hinweg

Wegweisendes Pilotprojekt für grenzüberschreitende Energieprojekte in Europa

"United Heat" als Blaupause für grenzüberschreitende Energieprojekte

Das große Potenzial grenzüberschreitender Energieprojekte wird in Europa noch zu wenig genutzt. Genehmigungen und Betrieb sind komplex. Claire Gauthier, Expertin für europäische Kooperationen bei der dena, zeigt anhand eines Pilotprojekts konkrete Lösungswege auf.

Die Bundesministerin für Wirtschaft und Energie Katherina Reiche, der polnische Unterstaatssekretär Konrad Wojnarowski, der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer und 200 prominente Gäste haben Ende März an dem Spatenstich zu einer Fernwärmeleitung teilgenommen. Das liegt an der hohen symbolischen Bedeutung des Projekts. Mit “United Heat” werden die Fernwärmegebiete der Städte Görlitz und Zgorzelec über die deutsch-polnische Grenze hinweg miteinander verbunden und die Wärmeversorgung klimafreundlich gemacht. Die dena unterstützt das Projekt United Heat im Rahmen der Deutsch-Polnischen Energieplattform, gefördert durch das Auswärtige Amt. 

Grenzüberschreitende Projekte haben ein gewaltiges Potenzial in Europa, werden von der EU als strategisch wichtig erachtet – und trotzdem bisher kaum realisiert. Die große Herausforderung: Genehmigungen und Betrieb sind komplex, da sie die Regeln zweier nationaler Energiesysteme erfüllen müssen. Die Projekte betreten daher häufig regulatorisches Neuland. “United Heat” soll deshalb als Blaupause für zukünftige Vorhaben genutzt werden. 

Die dena begleitet seit rund zehn Jahren grenzüberschreitende Energieprojekte. Seit mehr als drei Jahren berät sie konkret die beteiligten Unternehmen von “United Heat”. Wir wissen daher, mit wieviel Engagement, Ausdauer und Überzeugung die Verantwortlichen Hürden überwunden haben. Auch für mich persönlich war der Spatenstich ein besonderer Moment. Als Französin, aufgewachsen direkt an der Grenze zu Deutschland, und überzeugte Europäerin, beweist das Projekt für mich, dass Europa in Energiefragen weiter zusammenwächst – auch wenn es nicht immer einfach ist und seine Zeit braucht. 

Acht Menschen stehen an einem Tisch und beugen sich über eine darauf liegende Karte
Rafał Gronicz (Bürgermeister von Zgorzelec), Paweł Gancarz (Marschall der Woiwodschaft Niederschlesien), Konrad Wojnarowski (Staatssekretär im polnischen Energieministerium), Marten Bunnemann (Vorstandsvorsitzender von E.ON Energy Infrastructure Solutions), Katherina Reiche (Bundesministerin für Wirtschaft und Energie), Octavian Ursu (Bürgermeister von Görlitz), Michael Kretschmer (Ministerpräsident von Sachsen), Martin Ridder (CEO der Sparte Energie & Wasser bei Veolia) (von links nach rechts) auf dem Gelände der Kläranlage Görlitz. Mit dem Beginn der ersten Bauphase ist das Projekt keine Zukunftsvision mehr, sondern konkrete Realität.

Was “United Heat” plant – und warum es sich lohnt

Im Projekt “United Heat” bauen die Unternehmen Stadtwerke Görlitz und SEC Zgorzelec die Wärmeversorgung in beiden Städten gemeinsam grundlegend um. Schluss mit Gas und Kohle, künftig soll die Wärme aus Biomasse, thermischen Solaranlagen, Großwärmepumpen und Abwärme gewonnen werden. 

Das Besondere dabei: Die Wärmeversorgung soll zukünftig nach dem sogenannten Merit-Order organisiert werden. Die Anlage, die gerade am kostengünstigsten Wärme produziert, wird priorisiert, egal auf welcher Seite der Grenze sie steht. Dadurch sind die Erzeugungskosten niedriger als wenn beide Städte ihre Netze getrennt betreiben würden. Mit dem Umstieg auf Erneuerbare machen sich beide Städte unabhängig von Erdgas und verbessern die Luftqualität durch den Kohleausstieg. 

Als eines der ersten Projekte überhaupt wird “United Heat” durch ein neues EU-Förderprogramm für den grenzüberschreitenden Ausbau erneuerbarer Energien unterstützt. In Grenzregionen bedeutet das entweder die Kräfte zu bündeln statt doppelt zu bauen, oder die Nachfrage auf einer Seite der Grenze mit dem Angebot auf der anderen Seite zu vernetzen.

Potenzial für 20 Millionen Menschen in Grenzregionen

Das Potenzial für grenzüberschreitende Projekte ist groß: In der EU leben etwa 150 Millionen Menschen in Grenzregionen. Das ist ein Drittel der Gesamtbevölkerung in der EU. In Deutschland sind es rund 20 Millionen Menschen. 

Der Weg, dieses Potenzial zu erschließen, ist allerdings alles andere als einfach. Bereits nationale Vorhaben sind anspruchsvoll. Grenzüberschreitende Energieprojekte sind komplexer, langwieriger und ressourcenintensiver beim Entwickeln und Umsetzen.  

Zwei Länder, zwei Regulierungssysteme, zwei Planungskulturen, zwei Sprachen. Konkret heißt das: Zwei nationale Rechtsrahmen müssen analysiert und bei Abweichungen regulatorisch abgestimmt werden. Förderprogramme müssen recherchiert und kombiniert werden. Baugenehmigungen für grenzüberschreitende Leitungen müssen in zwei Ländern parallel koordiniert werden. Und immer wieder tauchen Hindernisse auf, die vorher niemand auf dem Schirm hatte. 

Drei Lösungsansätze, um Potenzial zu erschließen

Doch “United Heat” beweist: Es ist möglich. Folgende Hilfsmittel waren dabei maßgeblich: 

  • Rahmenbedingungen verbessern: Auf EU-Ebene helfen beispielsweise Harmonisierungen bei Genehmigungsverfahren und gezielte Förderung wie das Cross-Border Renewable Energy- Programm. Auf nationaler Ebene kann durch Ausnahmeregelungen, das Anpassen nationaler Förderprogramme oder den Einsatz einer Experimentierklausel zum Überprüfen der Auswirkung eines neuen Gesetzes auf die Grenzregionen viel bewegt werden.  

  • Aus Erfahrung lernen: Grenzüberschreitende Energieprojekte teilen viele Herausforderungen wie Förderfragen, Genehmigungsprobleme oder mangelnde lokale Akzeptanz. Was in Görlitz und Zgorzelec mühsam erarbeitet wurde, ist übertragbar. Kein Folgeprojekt muss bei null anfangen. 

  • Projekte vernetzen: “United Heat” sollte kein Einzelfall bleiben, sondern Teil eines wachsenden europäischen Ökosystems werden. Der Austausch zwischen Städten, Projektträgern und Behörden hilft sehr, braucht aber eine aktive Förderung innerhalb Deutschlands und Europas. 

Mit dem Spatenstich nimmt das Projekt in Görlitz und Zgorzelec langsam Form an. “United Heat” ist damit ein Vorbild für andere Grenzstädte und -regionen in Europa. 

Fünf Menschen stehen um einen Tisch, dahinter stehen zwei gelbe Bagger
Hinter den Kulissen: Unterzeichnung des ersten Leitungsabschnitts mit Medien. Octavian Ursu (Bürgermeister von Görlitz), Marten Bunnemann (Vorstandsvorsitzender von E.ON Energy Infrastructure Solutions), Katherina Reiche (Bundesministerin für Wirtschaft und Energie), Konrad Wojnarowski (Staatssekretär im polnischen Energieministerium), Paweł Gancarz (Marschall der Woiwodschaft Niederschlesien) (von links nach rechts)
Portraitbild von Claire Gauthier
Claire Gauthier Seniorexpertin Internationale Kooperationen

Claire Gauthier arbeitet als Seniorexpertin Europäische Kooperationen bei der dena. Dort treibt sie die europäische Energiewende durch die Beratung grenzüberschreitender Leuchtturmprojekte, die Organisation politischer Austauschformate und die Förderung des Wissensaustauschs voran. Nach ihrem deutsch-französischen Master der Europa-Studien an der Sciences Po Strasbourg und der Europa-Universität Viadrina arbeitete sie drei Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Viadrina, bevor sie 2021 zur dena wechselte.