Interview zum Projekt „Systemtransformation Ukraine“

Die Ukraine befindet sich in einem politischen und wirtschaftlichen Transformations-prozess, der auch den Energiesektor betrifft. Das Land hat sich zum Ziel gesetzt, verstärkt in Energieeffizienz zu investieren und erneuerbare Energien auszubauen. In dem folgenden Interview erläutert dena-Experte Alexander R.D. Müller, wie die dena mit ihrem Projekt „Systemtransformation Ukraine“ das Land beim notwenigen Umbau des Energiesystems unterstützt.

Welche Ziele hat das Projekt „Systemtransformation Ukraine“, wie sollen diese erreicht werden?

Der Fokus des Projekts liegt auf dem ukrainischen Stromnetz. Hier steht eine veraltete Infrastruktur neuen Herausforderungen durch die Integration erneuerbarer Energien gegenüber – dies erfordert eine Modernisierung im technischen wie operativen Sinne. Das Land kann nur mit einer effizienten, funktionierenden Energieinfrastruktur erneuerbare Energien integrieren und so seine Klima- und EE-Ausbauziele erreichen. Unsere Beratung richtet sich im Wesentlichen an den ukrainischen Übertragungsnetzbetreiber Ukrenergo, der die Systemverantwortung für den zuverlässigen und kosteneffizienten Betrieb des Netzes trägt. Es sind aber auch weitere Stakeholder in den Prozess eingebunden, wie z. B. die Beratungsunternehmen EGI und iC consulenten und lokale Akteure wie das Ukrainische Ministerium für Energie und Umweltschutz (MinEcoEnergo) oder die Regulierungsbehörde NEURC. In den vergangenen Monaten haben wir gemeinsam eine Bestandsaufnahme des ukrainischen Stromsektors gemacht und wichtige Ansatzpunkte für seine Optimierung identifiziert. Die Ergebnisse werden in einem Bericht zusammengefasst und im Juli veröffentlicht. In einem anschließenden Projekt wird, die dena mit dem bestehenden Stakeholderkreis die entwickelten Optimierungsvorschläge vertiefen und den Expertenaustausch zwischen Deutschland und Ukraine intensivieren.

Wie sind die Rahmenbedingungen für erneuerbare Energien in der Ukraine? Welche landesspezifischen Herausforderungen gibt es?

Derzeit dominiert in der Ukraine die Stromerzeugung aus konventionellen Kraftwerken, sie macht rund 90% aus. Inflexbile Kern- und Kohlekraftwerke überwiegen deutlich. Die Regierung hat sich allerdings zum Ziel gesetzt, die Erneuerbaren auf 25% bis 2035 auszubauen. Hintergrund ist zum einen die Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen und andererseits das Interesse des Landes, unabhängiger von Importen zu werden.

Die Voraussetzungen für den Ausbau der erneuerbaren Energien in der Ukraine sind grundsätzlich positiv zu bewerten: im Süden des Landes gibt es gute geographische Bedingungen für Windenergie und Photovoltaik. Allerdings befinden sich die Verbrauchszentren in der zentralen und nördlichen Ukraine. Deshalb muss der Strom - wie auch in Deutschland - über große Distanzen transportiert werden, was das Übertragungsnetz vor Herausforderungen stellt und schon jetzt Netzengpässe verursacht.

Welche Ansätze gibt es, das ukrainische Stromnetz zu optimieren? Welche Maßnahmen sind für die Weiterentwicklung des Stromsystems besonders wichtig?

Wir haben Möglichkeiten zur Optimierung der Energieinfrastruktur auf ganz unterschiedlichen Ebenen festgestellt, etwa im technischen, planerischen und politischen Bereich. Einerseits sind Teile des Stromnetzes technisch veraltet und müssen erneuert werden, um die bestehende Infrastruktur insgesamt so weit wie möglich nutzen zu können. Um erneuerbare Energien besser integrieren zu können, sind außerdem zusätzliche Betriebsmittel notwendig.

Damit der Netzausbau angemessen dimensioniert ist und effizient realisiert werden kann, ist eine vorausschauende Netzplanung wichtig. Sie sollte auf verschiedenen Szenarien beruhen und das ganze Energiesystem betrachten. Hier ist es ratsam, frühzeitig die Öffentlichkeit in die Planung einzubeziehen und Akzeptanz zu schaffen. Darüber hinaus müssen künftig technische und regulatorische Mechanismen etabliert werden, welche die Systemstabilität gewährleisten. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt in der Zusammenarbeit mit deutschen Experten ist die Analyse geeigneter regulatorischer Rahmenbedingungen für die Marktintegration regenerativer Energien. Dabei thematisieren wir zum Beispiel die bestehenden Einspeisetarife und das geplante Auktionssystem.

Mit vielen der genannten Aspekte haben wir uns in den letzten Jahren auch in Deutschland und der EU beschäftigt. Die dabei gewonnenen Erfahrungen und das Wissen fließen in die Beratung ein, sodass wir dazu beitragen können, dass die Ukraine in der Energiewende einen großen Schritt nach vorne macht.

Zahlen und Fakten

50 %
weniger CO2-Emissionen
gegenüber 1990 plant die Ukraine bis 2050 auszustoßen
50 %
beträgt der Anteil der Kernenergie derzeit
in der Ukraine
Ca. 90 %
des Stroms erzeugten konventionelle Kraftwerke
2019 in der Ukraine
70 %
der Stromproduktion
sollen 2050 aus erneuerbaren Energien stammen

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