„Wir wollen ganze Wohnviertel sanieren“

Das UN-Entwicklungsprogramm UNDP hilft der Regierung Kasachstans, den Energieverbrauch des zentralasiatischen Landes trotz niedriger Energiepreise deutlich zu senken. Projektkoordinator Alexandr Belyi erklärt, worauf es dabei ankommt und welche Hindernisse zu überwinden sind.

Alexandr Belyi koordiniert die Projekte des UN-Entwicklungsprogramms UNDP zur Steigerung der Energieeffizienz in Kasachstan. Seit 2007 wurden in diesem Rahmen mehr als 80 Effizienzprojekte umgesetzt, vor allem energetische Sanierungen von Mehrfamilienhäusern und öffentlichen Gebäuden, der Bau von Fernwärmeanlagen oder der Austausch von Straßenbeleuchtung. Der nächste Schritt ist nun die energetische Sanierung ganzer Wohnquartiere.

dena: Herr Belyi, wie steht es um die Energieeffizienz in ihrem Heimatland Kasachstan?

Alexandr Belyi: Unsere Gebäude verbrauchen leider viel zu viel Energie. Bei Wohngebäuden besteht ein Einsparpotenzial von 25 bis 50 Prozent. Diese Gebäude müssen dringend gedämmt und modernisiert werden, um den Wärmeverlust zu reduzieren. Viele Haushalte besitzen keinen Gasanschluss, sondern heizen noch mit Kohle. 78 Prozent der Energie in unserem Land wird aus Kohle gewonnen. In der letzten Zeit beobachten wir, dass die Luftverschmutzung in unseren Städten jegliche Normen durchbricht, besonders während der Heizperiode und wenn es windstill ist. Das ist besorgniserregend. 

Woran liegt es, dass die Kasachen bislang wenig Energie sparen?  

Der Hauptgrund ist, dass Energie in Kasachstan im Vergleich zu europäischen Ländern so kostengünstig ist. Die Wärmeenergie kostet in der Hauptstadt Nur-Sultan (früher Astana) ungefähr 0,5 Cent je kWh,  in den baltischen Staaten sind es 5 Cent/kWh und in Westeuropa noch mehr. Das Beheizen einer Wohnung mit 45 Quadratmetern Wohnfläche kostet pro Jahr umgerechnet nur etwa 72 Euro. Solche Kosten geben den Verbrauchern in der Regel keinen Anreiz, rational Energie zu verwenden und zu sparen. Sie verstehen nicht, warum sie in die Wärmedämmung und in die Modernisierung der Gebäude investieren sollen. Es fehlt aber auch noch an politischen Rahmenbedingungen, etwa Standards für Energieeffizienz im Bausektor. Ein erster Schritt ist das 2012 verabschiedete staatliche Programm zur Unterstützung der Sanierungen von Wohngebäuden. So wurden viele in den 60-80er Jahren des letzten Jahrhunderts errichtete Wohngebäude mit energiesparenden Bauteilen saniert. Es handelt sich hierbei noch nicht um komplett renovierte Quartiere. Die städtischen Häuser wurden selektiv saniert.

Alexandr Belyi, Projektkoordinator von UNDP / GEF und kasachischer Regierung

„Die Luftverschmutzung in unseren Städten durchbricht jegliche Normen, besonders während der Heizperiode und wenn es windstill ist.“

Alexandr Belyi, Projektkoordinator von UNDP / GEF und kasachischer Regierung zur Energieeffizienz

Hat sich die kasachische Regierung Energieeffizienzziele gesetzt?

Diese Ziele haben wir natürlich. Es ist ein erklärtes Ziel der Regierung, die Energieintensität der kasachischen Wirtschaft stark zu reduzieren. Bis 2020 soll sie um 15 bis 20 Prozent und bis 2030 um 25 Prozent sinken. Die Regierung hat sich auch freiwillig verpflichtet, die Pariser Klimaschutzziele umzusetzen. Ihr neues Konzept der grünen Wirtschaft sieht vor, die Energieversorgung des Landes langfristig mehr und mehr auf Gas umzustellen. Aber das geht natürlich nicht von heute auf morgen, sondern erfordert Zeit und viel Geld.  

Wie kann das Entwicklungsprogramm der UN dabei helfen?

Das UN-Programm hilft der Regierung sehr dabei, seine Effizienzziele zu erreichen. Bis jetzt wurden im Rahmen dieses Mechanismus 84 Projekte mit einem Gesamtvolumen in Höhe von rund 46 Mio. US-Dollar unterstützt. Das Hauptziel all dieser Projekte besteht darin, technologische, organisatorische und finanzielle Möglichkeiten bei der Einführung energieeffizienter Technologien aufzuzeigen und eine solide Grundlage für ihre spätere breite Einführung auf nationaler Ebene zu schaffen. Die Pilotprojekte bilden eine Grundlage für die nächsten Schritte der Regierung. So wurde 2012 das staatliche Programm zur Unterstützung der Sanierungen von Wohngebäuden verabschiedet, das sich als erfolgreich erweist.

78 %
seines Energiebedarfs
deckt Kasachstan mit Kohle
< 1
Cent/kWh kostet Wärmeenergie in Kasachstan -
in Westeuropa mehr als zehn Mal so viel
Nur 72
kostet in Kasachstan das Beheizen
einer 45 qm-Wohnung im Jahr
Um 25 %
will Kasachstans Regierung die Energieintensität
bis zum Jahr 2030 senken

Was sind die nächsten Schritte?

Im nächsten Schritt wollen wir von der Sanierung einzelner Wohngebäude hin zu ganzen Wohnvierteln kommen. In Nur-Sultan wurde bereits ein „grünes Quartier“ errichtet, dessen Gebäude den hohen Effizienz-Anforderungen entsprechen. Leider ist die Sanierung von Wohnquartieren noch nicht weit verbreitet. Das UNDP führt im Rahmen des Projekts „Nachhaltige Städte für eine kohlenstoffarme Entwicklung“ derzeit eine Pilotinitiative in Nur-Sultan zur integrierten CO2-armen Sanierung eines bestehenden Wohnviertels durch. Das Ziel ist, die technischen und vor allem organisatorischen und finanziellen Grundlagen für die Modernisierung eines kompletten Wohnviertels mit fünf Häusern und einem Hof aufzuzeigen.

Was versprechen Sie sich von der Zusammenarbeit mit Deutschland bzw. der dena?

Deutschland ist Vorreiter bei der Energieeffizienz von Gebäuden. Deswegen sind wir an einer engeren Zusammenarbeit interessiert. Ich bin mir sicher, deutsche Expertise in diesem Bereich ist bei uns sehr gefragt. Deutschland und Kasachstan haben viele Gemeinsamkeiten, man denke nur an die Mustersiedlungen aus der Sowjetzeit, die saniert werden müssen. Andererseits müssen wir die Preisunterschiede zwischen beiden Ländern beachten. Vielleicht können uns unsere deutschen Partner helfen, zunächst die Projekte zu identifizieren, die mit geringen Kosten große Effekte mit sich bringen.

Ihre Ansprechpartnerin für Projekte der länderübergreifenden Dialogplattform Osteuropa und Zentralasien

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