Experten-Workshop „Energieeffiziente Quartiere“ in Berlin

Vom effizienten Haus zum Quartier

Bei der energieeffizienten Sanierung einzelner Gebäude haben die Länder Osteuropas und Zentralasiens schon einiges erreicht. Die Herausforderung besteht nun darin, den Sprung hin zur Sanierung ganzer Wohnviertel zu schaffen. Welche Konzepte und konkreten Praxisbeispiele es dafür gibt, das diskutierten Experten bei einem von der dena organisierten Workshop Anfang April in Berlin.

An dem Workshop im Rahmen der länderübergreifenden Dialogplattform „Urbane Energieinfrastruktur in Osteuropa und Zentralasien“ am 9. April nahmen zahlreiche Vertreter aus Russland, der Ukraine, Weißrussland, Kasachstan und Deutschland teil. Die Idee, das Thema Quartiere aufzugreifen, entstand beim letzten Workshop im Oktober 2018 in Minsk, sagte Elena Metzger, Senior Expert Internationale Kooperationen bei der dena. Mit der Expertenrunde zu den Quartieren sei der dena eine „Punktlandung“ gelungen, lobte Iuliia Perchuk, Direktorin im Bauministerium der Ukraine.

Energieeffiziente Wohnviertel sind in Osteuropa und Zentralasien bislang die absolute Ausnahme. Eine große Hürde ist, dass in der Regel sehr viele unterschiedliche Eigentümer mit am Tisch sitzen und von den Vorteilen einer Sanierung überzeugt werden müssen. Sie zeigen wenig Interesse an Modernisierungsmaßnahmen in ihrem Viertel, vor allem wegen der niedrigen Energiepreise in diesen Ländern. Außerdem haben sie oft nicht die finanziellen Mittel, um zu investieren, selbst wenn sich das für sie lohnen würde. Es fehlt auch an technischem Know-How, Planern und leistungsfähigen Bauunternehmern sowie Unterstützung durch die zuständigen Behörden und die Energieversorger.

Finanzielle Anreize für Bürger und Unternehmen

Wichtige Hilfe können an dieser Stelle internationale Partner leisten. So wird in einem Pilotprojekt in der kasachischen Hauptstadt Nur-Sultan (früher Astana) mit Mitteln aus dem UN-Projekt „Nachhaltige Städte für eine kohlenstoffarme Entwicklung“ ein komplettes Wohnviertel aus fünf Häusern inklusive Hof saniert. Der Plan sieht vor, die Fassaden und Dächer zu dämmen, die Wärmeversorgung und Beleuchtung zu modernisieren und Fenster in Gemeinschaftsräumen auszutauschen. Der Innenhof erhält ein völlig neues, grünes Design.

Das Ziel der Initiative ist in erster Linie, finanzielle Anreizmechanismen für die Beteiligung von Bürgern und Unternehmen an der Quartierssanierung zu entwickeln. „Die Bewohner werden Teil des Projektes“, erklärte Projektkoordinator Alexandr Belyi. Sie könnten ihre finanziellen Beiträge in Raten zahlen und dabei zwischen verschiedenen Modellen wählen. Die Investoren und beteiligten Firmen erhalten technische Unterstützung und zinsgünstige Kredite. Stadt und Energieversorger beteiligen sich an der Finanzierung. Daraus entsteht ein für Kasachstan bislang einzigartiges Modell, das in ganz Zentralasien und darüber hinaus übernommen werden könnte.

Vorbild Plattenbausanierung in Ostdeutschland

Bei der Quartiersanierung können die Länder von den Erfahrungen und der Expertise in Deutschland profitieren. „Unsere Probleme sind ähnlich wie einmal in Ostdeutschland“, sagte Olga Serdyuk, Vize-Generaldirektorin des Fonds zur Unterstützung der Reform des Wohnungswesens und der kommunalen Dienstleistungen in Russland. Im Osten Deutschlands wurden nach der Wiedervereinigung etliche Plattenbaugebiete energetisch saniert. Heutzutage könnten auch moderne technologische Innovationen in die Planung und Umsetzung miteinfließen. Den aktuellen Standard bei der Sanierung zeigen Projekte in Deutschland wie „Green Moabit“ in Berlin, „Smart Together München“ oder „Blue City Mannheim“, die auf dem Workshop vorgestellt wurden. Dabei geht es auch um die Energieerzeugung und -verteilung, die Verknüpfung mit der Mobilität und eine smarte Stadtplanung- und steuerung.

Denkbar ist sogar, dass sich ehemalige Plattenbauviertel in Zukunft zu einem hohen Grad von bis zu 80 Prozent selbst versorgen. Das untersucht ein Konsortium unter Leitung des Ingenieurbüros Jena-Geo und des Fraunhofer-Instituts IOSB im vom Bund mit 10 Mio. Euro geförderten Projekt „Smart Neighbourhood (Smood)“ in Thüringen. Kern der Idee sind Effizienzmaßnahmen, erneuerbare Energien wie Fotovoltaik, Solarthermie und Geothermie sowie ein Batterie-Großspeicher, der noch entwickelt werden soll, erklärte Projektleiter Dr. Kersten Roselt.

Beim Thema nachhaltiger Stadtentwicklung legen osteuropäische und kasachische Städte und Kommunen ihren Schwerpunkt derzeit hauptsächlich auf Sanierung und Erhalt von Gebäuden. Das ist der erste und richtige Schritt in Richtung energieeffizienter Wohnviertel der Zukunft. Das Bewusstsein der Stakeholder und die Wissensbasis dafür müssen bereits heute gefördert werden.

Ihre Ansprechpartnerin für Projekte der länderübergreifenden Dialogplattform Osteuropa und Zentralasien