DEUTSCH-UKRAINISCHE ENERGIEPARTNERSCHAFT

Soforthilfe Ukraine: Deutsches Know-how und Technikspende

Den Menschen in der Ukraine droht ein bitterkalter Winter, weil die russische Armee Wärmenetze und Kraftwerke zerstört. Deutsche Energieexpertinnen und -experten sowie Unternehmen versuchen, die Reparaturen mit Sachspenden und Entscheidungshilfen für die Kommunen zu unterstützen.

Eine zuverlässige Energieversorgung ist im Winter besonders wichtig.

„Wir müssen uns auf den Winter vorbereiten. … Der kommende Winter wird der schwierigste in all den Jahren seit der Unabhängigkeit“, warnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seine Landsleute schon Anfang Juni.

Denn der Krieg in der Ukraine wird auch gegen die Energieversorgung geführt. Während es die Raketen und Panzer an ukrainischen Atomkraftwerken bis in die deutschen Hauptnachrichten schaffen, nehmen aber nur Expertinnen und Experten die gezielte Zerstörung Fernwärme, Stromleitungen und lokalen Kraftwerken wahr.

Hunderttausende ohne Strom und Wärme

Nach einem Bericht des Energieministeriums in Kiew waren Mitte Juni rund 176.700 Haushalte der Ukraine ohne Gasversorgung. Insbesondere in den umkämpften Regionen Donezk und Luhansk ist die Lieferung von Gas an die Haushalte praktisch völlig zusammengebrochen.

610.700 Haushalte sind danach außerdem ohne Strom. Seit Beginn des Krieges wurden laut Energieministerium 4.270 Siedlungen und mehr als 5 Millionen Haushalte zumindest zeitweise von der Stromversorgung abgeschnitten (Quelle: Dixi Group alert vom 21.06.22).

Die Informationen stammen von den Facebook-Seiten der Orts- und Regionalregierungen sowie von den Ministerien, die sie von den ukrainischen Netzbetreibern aus Landesteilen wie Donezk, Kharkiv oder Odessa gemeldet bekommen. Die Liste der zerstörten Einrichtungen wird ständig länger.

Laufende Instandsetzung

Die Netzbetreiber versuchen in den Städten und Dörfern die vom Artillerie-Beschuss zerstörte Infrastruktur für Strom und Wärme so gut es geht wieder instand zu setzen. Die Reparaturen gestalteten sich wegen des fortlaufenden Krieges aber schwierig.

Rund um die Millionenstadt Dnipro konnten so beispielsweise gut 1.600 Haushalte wieder an das Stromnetz angeschlossen werden. In den Regionen Donezk und Charkiw im Osten wurden danach seit Beginn des Krieges knapp 25.000 Haushalte wieder an die Stromversorgung angeschlossen.

Um der Kälte im kommenden Winter vorzubeugen, hat Selenskyjs Regierung inzwischen den Export von ukrainischem Gas und ukrainischer Kohle gestoppt. Mit Hilfe der westlichen Nachbarn soll außerdem ein „Reparaturprogramm für thermische Kraftwerke, Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen und Kesselanlagen“ starten.

Deutsche Unternehmen spenden Geld und Technik

„Über die Deutsch-Ukrainische Energiepartnerschaft und Verbände wie den VKU spenden viele Unternehmen in Deutschland Technik und Geld, um die Reparaturen zu unterstützen“, erklärt Valentyn Bondaruk, Experte der Deutschen Energie-Agentur (dena). Im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz betreut die dena zusammen mit der GIZ die Umsetzung der Energiepartnerschaft mit der Ukraine und ist dabei insbesondere für die Bereiche Erneuerbare Energien und Wasserstoff zuständig. Die GIZ ist für Energieeffizienz, Dekarbonisierung und Strukturwandel verantwortlich. Auf ukrainischer Seite ist das Energieministerium der wichtigste Partner der 2020 gestarteten Energiepartnerschaft.

Insbesondere in älteren Wohngebäuden kann es kalt werden.

Kommunen bei Energieinvestitionen beraten

Aktuell erarbeiten deutsche und ukrainische Expertinnen und Experten im Rahmen der Energiepartnerschaft eine Entscheidungshilfe für Kommunen, wie sie mit den Schäden umgehen sollen. Lohnt sich eine Reparatur von alten Kesseln? Oder sollte die Energieversorgung vor Ort umgebaut werden?

„Wenn ein Heizkessel zu stark beschädigt ist, kann er durch eine neue Technologie ersetzt werden. Es gibt verschiedene Optionen wie Wärmepumpen, elektrische Heizkessel oder Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Sollten sie bis zum Winter 2022/2023 nicht zur Verfügung stehen, könnten aus Expertensicht dezentrale Übergangslösungen eine geeignete kurzfristige Lösung sein“, erklärt Bondaruk. Andere Beispiele: Lohnt sich die Reparatur des Wärmenetzes noch, wenn absehbar ist, dass ein Quartier künftig nur noch zu 60 Prozent bewohnt sein wird, weil die geflüchteten Einwohner vielleicht nie mehr zurückkommen? Ist der Umstieg auf Biomasse in einzelnen Fällen vielleicht sinnvoller als die Reparatur eines alten Heizkessels, der traditionell mit Kohle betrieben wurde?

Einsatz in der gesamten Ukraine

„Wir zeigen die Vor- und Nachteile der Technik-Alternativen auf und helfen den Kommunen, Fehlinvestitionen zu vermeiden“, so Bondaruk. In den kommenden Wochen soll dieser Leitfaden dem ukrainischen Energieministerium vorgelegt werden und dann in der gesamten Ukraine zum Einsatz kommen. Dabei bleiben die Entscheidungen ein Balanceakt zwischen schnellen und langfristigen Lösungen, bei denen Nachhaltigkeit im Fokus stehen wird. Im Moment geht es vor allem darum, dass die Menschen im kommenden Winter nicht frieren.

Parallel läuft die Soforthilfe der Energieunternehmen in Deutschland. Bis Ende Juni hatten Firmen Material im Wert von 4 Mio. Euro gespendet. Die Regierung der Ukraine sucht unter anderem Transformatoren, Kabel, Generatoren, Schweißgeräte, IT-Hardware, Werkzeug, Mittelspannungsschaltanlagen und -netztransformatoren sowie Stromaggregate.

Den genauen Bedarf koordiniert das Sekretariat der Deutsch-Ukrainischen Energiepartnerschaft. Sie organisiert bei Bedarf auch den Transport zur polnisch-ukrainischen Grenze. Von dort leitet die Soforthilfe dann eine Nichtregierungs-Organisation an die Orte in der Ukraine weiter.

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Bilder: Shutterstock/Nickolay Khoroshkov, Shutterstock/Media Whale Stock
Text: Marcus Franken und dena