Digitale Energiewende

Revolutioniert Blockchain die Energiewirtschaft?

Ob Stromhandel oder Anlagensteuerung: Blockchain könnte bei der Digitalisierung des Energiesystems eine zentrale Rolle spielen, denn die Transaktionstechnologie vereinfacht den Austausch, die Validierung und Dokumentation von Daten. Doch sie konkurriert mit anderen IT-Lösungen.

Entwickelt wurde die Blockchain ursprünglich, um digitale Währungen wie Bitcoin zu schaffen. Doch in ihr steckt noch viel mehr, sind Experten überzeugt: Blockchain könnte ganze Branchen von Grund auf verändern – auch die Energiewirtschaft.

„Blockchain bietet von der Grundidee her beste Voraussetzungen für den Austausch, die Validierung und die Dokumentation werthaltiger Daten.“

Philipp Richard, dena-Projektleiter

Was ist die Blockchain? Eine digitale Transaktionstechnologie, die zwei oder mehreren Parteien ermöglicht, Geschäfte direkt miteinander abzuwickeln, ohne dass eine vermittelnde Instanz wie eine Bank oder ein Händler nötig wäre. Die bei den Transaktionen anfallenden Daten werden dezentral auf einer Vielzahl von Computern gespeichert, die zusammen das Hardware-Gerüst der Blockchain bilden. Entsteht ein neuer Datensatz, werden alle Rechner der Blockchain aktualisiert, so dass jeder von ihnen zu jeder Zeit sämtliche Transaktionsdaten vorhält. Wer diese manipulieren möchte, müsste sich also in sehr viele Computer hacken. „Von seiner Grundidee her bietet das System beste Voraussetzungen für den Austausch, die Validierung und die Dokumentation werthaltiger Daten, wie sie etwa bei Handelsgeschäften anfallen“, erläutert Philipp Richard, Projektleiter bei der Deutschen Energie-Agentur (dena).

Zudem könnte Blockchain die Kosten von Prozessen und  Transaktionen reduzieren, da die vermittelnden Instanzen wegfallen. Könnte – denn zunächst einmal gilt es, den heute noch hohen Rechenaufwand für die Validierung der Daten zu reduzieren. Entwickler arbeiten momentan an Blockchain-Verfahren, die das deutlich effizienter, schneller und günstiger erledigen sollen.

Blockchain für Prozesse und Plattformen

Bei einer Umfrage der dena und der privaten Hochschule ESMT Berlin unter siebzig Führungskräften der Energiebranche gab die Hälfte der Teilnehmer an, bereits mit Blockchain zu experimentieren oder dies zu planen. Sie sehen vor allem zwei Einsatzfelder: die Optimierung von Prozessen und die Organisation von Plattformen, beispielsweise für den direkten Stromhandel zwischen Besitzern von Photovoltaik- oder Biogasanlagen und Verbrauchern.

Christoph Burger von der ESMT Berlin nennt die Bewirtschaftung von Infrastruktureinrichtungen wie Netzen oder Kraftwerken – das so genannte Asset Management – als weiteres Beispiel für eine mögliche Anwendung. Bei deren Refinanzierung könnte die Technologie Wirtschaftsprüfer ganz oder teilweise überflüssig machen, indem sie mithilfe von Sensoren an den Anlagen den beteiligten Parteien alle nötigen Informationen transparent macht.

Doch das Potenzial ist noch viel größer: Burgers Einschätzung nach könnte die Technologie theoretisch gar die klassischen Versorger überflüssig machen. Denn mit Blockchain wäre es möglich, in einer Region oder einem Inselnetz Energieerzeugung und -verbrauch automatisch abzugleichen. „Die wesentliche Funktion eines Energieversorgers oder Netzbetreibers – nämlich die Koordination einer immer größeren Gruppe von Haushalten, Landwirten und Industrieunternehmen, die ihren selbst erzeugten Strom ins Netz einspeisen – könnte damit hinfällig werden“, erklärt Burger.

Foto: Deutsche Energie-Agentur GmbH

Neue Geschäftsmodelle

Allerdings steht die Blockchain bei vielen möglichen Anwendungen im Wettbewerb mit anderen digitalen Technologien, etwa dem Cloud Computing. „Die Blockchain ist vor allem da interessant, wo sie neue Prozesse und Geschäftsmodelle ermöglicht, für die es bisher keine anderen digitalen Lösungen gibt“, ist dena-Experte Richard überzeugt.  Zum Beispiel könnten von Smart Metern erfasste, digitale Energieverbrauchsdaten künftig zunächst  auf die Blockchain übertragen und erst nach der Freigabe durch den Kunden weitergegeben werden. Der Kunde hätte auf diese Weise mehr Kontrolle über seine Daten. „Die Zahl der Interaktionen wäre so groß und sie wären so kleinteilig, dass sich dies mit konventionellen IT-Lösungen wahrscheinlich nicht effizient bewerkstelligen ließe“, sagt er.

„Die wesentliche Funktion eines Energieversorgers oder Netzbetreibers könnte damit hinfällig werden.“

Christoph Burger, ESMT Berlin

Konkurriert die Blockchain dagegen mit etablierten IT-Systemen, wird sie es auf absehbare Zeit schwerer haben, diese zu verdrängen, meint Richard. Im klassischen Finanzmanagement oder im Online-Einkauf zum Beispiel setzen gerade große Unternehmen aktuell lieber auf zentrale Softwarelösungen. Diese durch eine Blockchain zu ersetzen ist zwar denkbar, aber für die Unternehmen  ist dies mit Unsicherheit verbunden und es würde Geld kosten. „Zielführender ist daher die Frage, welchen Mehrwert blockchain gegenüber alternativen Systemen liefern könnte“, sagt der dena-Experte.

Richard ist überzeugt: „Blockchain hat sehr viel Potenzial, keine Frage. Aber es wäre vermessen zu sagen, die Blockchain sei der Königsweg zur Digitalisierung des Energiesystems. Ob sie anderen Technologien überlegen ist, hängt von der jeweiligen Anwendung ab.“ Er plädiert dafür, jetzt Experimentierfelder zu schaffen, um die Blockchain in der Praxis zu erproben. Die dena begleitet das Thema mit dem Projekt Digi4E. Sie bringt Entscheider aus Politik und Unternehmen zusammen, um im Kontext der Digitalisierung der Energiewirtschaft neue Märkte zu analysieren und zu entwickeln.