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Raus aus der Abhängigkeit

Am Beispiel der Ukraine wird deutlich, wie wichtig eine nachhaltige Energieversorgung für die Entwicklung eines Landes ist. Unter dem neuen Präsidenten Selenski will das Land Versäumtes aufholen. Deutsche Expertise soll dabei helfen.

Wladimir Selenski, einst Schauspieler und Fernsehstar, heute Präsident der Ukraine, überzeugte seine Wähler vor allem mit drei Versprechen: die weit verbreitete Korruption zu bekämpfen, das Land zu reformieren und näher an den Westen zu rücken. In diesem politischen und wirtschaftlichen Transformationsprozess spielt der Energiesektor eine besondere Rolle.

In Kiew, Odessa und Lwiw wurden sanierungsbedürftige Gebäude untersucht. Foto: dena

„Die Ukraine zählt leider zu den Ländern mit einer großen Energieabhängigkeit und ist zudem aktuell noch eine der ineffizientesten Volkswirtschaften in Europa“, sagt Dr. Anja Sivakova-Kolb, Osteuropa-Expertin der dena. In der Tat importiert die Ukraine mehr als 60 Prozent ihres Energiebedarfs. Öl und Gas stammen zum Großteil von einem Lieferanten – dem Nachbarn Russland. Aus dieser Abhängigkeit will sich das Land befreien.

Zweite Herausforderung: Die Ukraine ist ein sehr energieintensives Land. Die sogenannte Energieintensität setzt den Energieverbrauch eines Landes ins Verhältnis zur erreichten Wertschöpfung. In der Ukraine ist dieser Wert drei bis vier Mal höher als im europäischen Durchschnitt. Diese hohe Ineffizienz und die große Importabhängigkeit sind nicht nur ein politisches Problem und schlecht für das Weltklima, sondern vor allem teuer. Die Energie-Importkosten der Ukraine betragen jährlich schätzungsweise mehr als zehn Milliarden Euro, was etwa neun Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) entspricht. Zum Vergleich: Deutschland importiert Energie im Wert von weniger als zwei Prozent seines BIP. Jede Reduktion dieser hohen Rechnung würde der Ukraine also mehr Spielraum verschaffen, in die Zukunft des Landes zu investieren.

Neuer Schwung für die Energiemarkt-Reform

Modernisierungspläne für den Energiesektor gibt es daher seit Jahren, die Reformbemühungen verliefen jedoch stockend. Gemäß einer 2012 beschlossenen Energiestrategie sollte der Importbedarf deutlich sinken, insbesondere durch den inländischen Ausbau der erneuerbaren Energien. Sie sollen bis 2035 einen Anteil von 25 Prozent an der Stromproduktion erreichen. Das erscheint nicht viel, wenn man bedenkt, dass Deutschland schon über 40 Prozent seines Stroms mit erneuerbaren Energien erzeugt. Doch für die Ukraine ist das Ziel ambitioniert: Aktuell tragen erneuerbare Energien 8,6 Prozent zur Stromerzeugung bei.

Die Umsetzung der dringend nötigen Reformen soll nun der neue Präsident Selenski forcieren. Dazu gehört auch die in der Energiestrategie formulierte Etablierung eines wettbewerblich organisierten Strommarktes. Gemäß dem Assoziierungsabkommen mit der EU und den europäischen Regularien wurde der Strommarkt zum 1. Juli 2019 formal liberalisiert, um das Oligopol einiger weniger marktbeherrschender Unternehmen aufzubrechen.

Damit Wettbewerb entstehen kann, sollen weitere Teilnehmer Zugang zum Markt erhalten. Zum Zeitpunkt der Marktöffnung gab es nur einen einzigen Händler, der den produzierten Strom im Großhandel kaufte und über die Verteilnetze an die Verbraucher lieferte. Sivakova-Kolb erläutert: „Die Reform des ukrainischen Strommarktes ist im Jahr 2019 im Einklang mit dem 3. Energiepaket der EU weit vorangekommen. Der mangelnde Wettbewerb ist aber weiterhin ein Problem.“

Über 10 Mrd.
Euro zahlt die Ukraine jährlich
für Energieimporte.
Auf 25 %
soll der Anteil Erneuerbarer Energien
an der ukrainischen Stromproduktion bis zum Jahr 2035 steigen.
Ca. 35 %
des gesamten Energieverbrauchs in der Ukraine
entfallen auf den Gebäudebereich.
Über 91 %
des ukrainischen Stroms
wird derzeit aus Kohle und Atomkraft produziert.

Dezentraler Ausbau für mehr Teilhabe

Der Ausbau der erneuerbaren Energien in der Ukraine müsse vor allem dezentral erfolgen, rät der frühere Grünen-Bundestags­abgeordnete Hans-Josef Fell. „Ansonsten werden die Oligarchen auch dieses neue Geschäftsfeld wieder unter sich aufteilen“, warnt er. Fell berät die Regierung in Kiew. Das Land brauche eine moderne Ökostromförderung, die der gesamten Bevölkerung eine Teilhabe ermögliche, lautet seine Empfehlung.

Deutsche Erfahrungen und Technologien sollen nun dabei helfen, den Energiesektor effizienter zu machen und schrittweise auf erneuerbare Energien umzustellen. In einem gemeinsamen Projekt untersuchen die dena und der staatliche ukrainische Übertragungsnetzbetreiber Ukrenergo, wie die Integration von Ökostromanlagen in das Stromsystem verbessert werden kann. Dabei geht es vor allem um technische Fragen, aber auch um Handlungsempfehlungen für die Politik und die Regulierungsbehörden. Die Netzbetriebsmittel in der Ukraine sind oft veraltet und marode. Die dezentrale, volatile Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien ist daher eine besondere Herausforderung.

Energieeffiziente Gebäude und moderne Wärmeversorgung

Etwa 35 Prozent des gesamten Energieverbrauchs der Ukraine entfallen auf den Gebäudebereich. Hier besteht großes Einsparpotenzial. Vier ukrainische Städte – Schytomyr, Kamjanez-Podilskyj, Tschortkiw und Lwiw – haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 den Übergang zu einer hundertprozentigen Versorgung mit erneuerbaren Energien zu schaffen.

Die dena begleitet seit 2016 im Rahmen des Projekts Deutsch-Ukrainische Effizienzhäuser 20 Modellvorhaben, die Standards für eine umfangreiche energetische Sanierung von Mehrfamilienhäusern setzen sollen. Unterstützung leistet die dena auch mit dem Projekt Kommunale Wärmewende, das die Modernisierung der Wärmeversorgung zum Ziel hat. Lösungsansätze sind hier die Durchführung von Effizienzmaßnahmen und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Auch der Erfahrungsaustausch mit deutschen Städten, die eine weitgehende Versorgung mit erneuerbaren Energien anstreben, spielt eine wichtige Rolle.

Quelle Headerbild: Oleh Slobodeniuk/Getty Images/Istockphoto (dena-Magazin transition 20)

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