Neuwagen auf dem Prüfstand

Die offiziellen Angaben zum Kraftstoffverbrauch von Pkw sind in den letzten Jahren zunehmend in Kritik geraten. Grund waren vor allem die starken Abweichungen der gemessenen Werte von Kraftstoffverbrauch und Emissionen gegenüber den tatsächlichen Werten im Straßenverkehr. Nun kommt EU-weit ein neues Messverfahren (WLTP) zum Einsatz, das sich auch auf die Verbrauchskennzeichnung sowie das Pkw-Label auswirkt.

„Das WLTP-Verfahren ist definitiv eher ein Plus, weil man die Werte als guten Durchschnitt annehmen und auch so kommunizieren kann.“

Tobias Ullrich, Filialleiter bei Renault König

Beim Neuwagenkauf spielen viele Faktoren eine Rolle: Angefangen bei Marke und Modell über Motorleistung und Ausstattung bis hin zur Farbe. Aber auch der Verbrauch und die Abgasemissionen sind wichtige Faktoren bei der Entscheidung für ein neues Auto.  Gerade wenn es die Wahl zwischen verschiedenen Modellen gibt, spielen die Verbrauchsdaten auf dem Pkw-Label für Neuwagenkäufer eine wichtige Rolle.

Autoverkäufer sind bereits seit November 2004 verpflichtet, Fahrzeuge mit Angaben zu Kraftstoffverbrauch und CO2-Ausstoß auszuzeichnen. Seit 2011 muss jeder zum Kauf oder Leasing angebotene Neuwagen mit dem Pkw-Label versehen sein. Ähnlich wie das Energieeffizienzlabel bei Haushaltsgeräten informiert es mit einer Farbskala, wie effizient das Fahrzeug ist. Der Verbraucher erkennt auf einen Blick, in welche CO₂-Effizienzklasse der Neuwagen fällt und welche Kosten er für Kraftstoff und Kfz-Steuer zu erwarten hat. Ein wichtiges Argument, das Filialleiter Tobias Ullrich vom Autohaus Renault König gerade bei kleineren Modellen in Verkaufsgesprächen nutzt: „Spritverbrauch und CO2-Emissionen bieten die Chance, ein Fahrzeug positiv hervorzuheben.“

Emnid-Umfrage für das Pkw-Label unter 1.000 Neuwagenkäufern in 2017

Für 92 %
ist der Kraftstoffverbrauch
wichtig bei der Fahrzeugauswahl
82 %
achten auf den CO2-Ausstoß
bei der Fahrzeugauswahl
78 %
finden das PkW-Label
wichtig für ihre Kaufentscheidung
Für 37 %
ist das Pkw-Label
sogar ein entscheidender Faktor

Realitätsnaher Test als Grundlage

Das Pkw-Label hat sich als Informationsinstrument bewährt. Durch ein neues, EU-weit einheitliches Messverfahren muss es aber überarbeitet werden: „Seit dem 1. September 2018 werden Kraftstoffverbrauch und die neuen Abgasemissionen für alle neuen Fahrzeuge in einem neuen Testzyklus mit veränderten Testbedingungen gemessen. Dieses Prüfverfahren nennt sich ‚Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure‘, kurz WLTP. Die wesentlichen Unterschiede zum ‚neuen Europäischen Fahrzyklus‘, also dem NEFZ-Verfahren, das vorher gültig war: Der Test dauert länger, es wird schneller gefahren, häufiger beschleunigt und es werden Zusatzausstattungen berücksichtigt“, erläutert Stefan Siegemund, stellvertretender Bereichsleiter Erneuerbare Energien und Mobilität bei der dena. Der Test basiert auf Fahrdaten aus zwölf Ländern. 750.000 Kilometer betrugen die hierfür durchgeführten Testfahrten, die genauso in indischen Metropolen wie auf Autobahnfahrten in Europa oder Highways in den USA unternommen wurden.

dena-Experte Stefan Siegemund im Gespräch über das WLTP-Verfahren

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Änderungen für den Verbraucher

Neuwagenkäufer bekommen durch den WLTP nun eine realitätsnähere Information zum Verbrauch. Er wird in der Tendenz höher als nach dem alten Prüfverfahren liegen, einige Experten rechnen im Durchschnitt mit etwa 20 Prozent. „Das liegt zum einen an dem realitätsnäheren Fahrzyklus des WLTP, zum anderen daran, dass im alten NEFZ den Herstellern im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten zu viele Schlupflöcher zur Verfügung standen.“

Die Änderungen infolge der Einführung des WLTP sind für alle relevant, die nach dem 1. September 2018 einen Neuwagen erstmals anmelden. „Für bereits zugelassene Autos ändert sich nichts. In der Tendenz fällt die Kfz-Steuer für Neuwagen nun allerdings etwas höher aus, als dies bisher bei vergleichbaren Fahrzeugen der Fall war“, erklärt Siegemund. Denn für die Berechnung der Kfz-Steuer wird nun der neue CO2-Wert verwendet.  

In Verbraucherinformationen wie dem Pkw-Label und der Werbung werden die neuen Verbrauchs- und Emissionswerte voraussichtlich ab Sommer 2019 zu sehen sein. Doch muss zunächst noch die Gesetzesgrundlage geändert werden. Autohändler sollten aber ihre Kunden auf freiwilliger Basis schon jetzt über die neuen Werte informieren. Filialleiter Ullrich sieht die Chance, dass die Umstellung auf das WLTP-Verfahren dafür sorgt, Vertrauen beim Kunden zurückzugewinnen. Denn viele zweifeln an den offiziellen Verbrauchszahlen. „Das WLTP-Verfahren ist definitiv eher ein Plus, weil man die Werte als guten Durchschnitt annehmen und auch so kommunizieren kann. Es hängt zwar stark von der individuellen Fahrweise, dem Reifendruck, der Personenzahl und Beladung sowie dem gefahrenen Tempo ab, aber pauschal kann man schon von circa ein bis zwei Litern Mehrverbrauch gegenüber den Angaben in den Broschüren ausgehen“, schätzt Ullrich.

Neues Pkw-Label, neue Effizienzklassen

„Unsere Studie untersucht die rechtlichen Folgen für Gesetzgeber, Hersteller, Händler und die Werbewirtschaft.“

dena-Experte Stefan Siegemund

Durch die Novellierung der Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung (Pkw-EnVKV) ändert sich zukünftig mehr als nur die Verbrauchsangaben: Auch die Effizienzklassen und die Klasseneinteilung wird überarbeitet. Hierzu hat im letzten Jahr eine Reihe von Experten unter Führung der dena in einer Studie Verbesserungsvorschläge entwickelt. „Die Studie untersucht die rechtlichen Folgen der WLTP-Umstellung für Gesetzgeber, Hersteller, Händler und die Werbewirtschaft und welche Anpassungen für die Verbraucherinformationen notwendig sind. Hierzu gehört zum Beispiel auch die Anpassung der Effizienzklassen“, so Siegemund. „Das zukünftige Label sollte für den Verbraucher schnell verständlich sein und sich auch weiterhin an der Optik des EU-Effizienzlabels orientieren. Außerdem muss gewährleistet werden, dass das Referenzsystem für die Klasseneinteilung auf möglichst aktuellen Daten des Fahrzeugmarkts basiert. Auch sollte die für den Verbraucher relevanten Information über die laufenden Kosten deutlicher hervorgehoben werden.“

Für das Pkw-Label sind also weitere Änderungen zu erwarten. Wie das Label langfristig genau aussehen wird, ist dabei noch offen. Doch dass es einen wichtigen Beitrag zur Verbraucherinformation leisten kann, ist unumstritten. Die Umsetzung der Vorschläge aus der dena-Studie bieten zusätzliche Ansatzpunkte, die Transparenz für Verbraucher zu erhöhen. In der Folge wird die Bedeutung des Pkw-Labels beim Autokauf weiter zunehmen.

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