Nachhaltige Mobilität in der Stadt

Für die Lebensqualität der Menschen ist Mobilität essenziell. Der damit verbundene Verkehr aber ist eine Belastung. Besonders in Städten konzentrieren sich Lärm, Umweltverschmutzung, Platzmangel, Unfallgefahren und klimaschädliche Emissionen. Über die Dialogplattform „Urbane Energieinfrastruktur“ tauschen sich deshalb Städte aus Deutschland, Osteuropa und Zentralasien zu Maßnahmen für nachhaltige Mobilität aus.

Besonders nachhaltig: Fahrradverkehr in Städten

Die Städte weltweit wachsen und damit auch der Mobilitätsbedarf. Die herkömmlichen, alten Verkehrskonzepte stoßen jetzt schon an ihre Grenzen und sind auch hinsichtlich Klimaschutz nicht zukunftsfähig. Damit das Leben in der Stadt attraktiv beziehungsweise lebenswert bleibt, müssen die Verkehrssysteme modernisiert werden: zum Beispiel durch Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, bessere Verknüpfung der Verkehrsmittel durch digitale Lösungen sowie Ausbau und Priorisierung der Wege für Radfahrer und Fußgänger.

Länderübergreifende Zusammenarbeit

Über die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) unterstützte und von der dena realisierte länderübergreifende Dialogplattform „Urbane Energieinfrastruktur“ tauschen sich die Länder Deutschland, Aserbaidschan, Belarus, Kasachstan, Russland, Ukraine und Usbekistan seit 2018 zu vielfältigen Themen städtischer Infrastruktur aus. Im März 2021 beschäftigten sich die Länder der Dialogplattform in einem gemeinsamen Workshop gezielt mit nachhaltiger Mobilität. Über 70 internationale Expertinnen und Experten beteiligten sich am Austausch.

Neue Ansätze für eine moderne Stadtplanung

Der Schwerpunkt lag dabei auf modernen Ansätzen zur Stadtplanung, dem Management von Verkehrssystemen sowie auf der Umstellung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) auf alternative Kraftstoffe. Auf Basis von Präsentationen konkreter Praxis-Beispiele aus Deutschland (Stuttgart und Karlsruhe), Belarus (Brest), Kasachstan (Almaty) und der Ukraine (Lwiw) wurden moderne Lösungen und deren Übertragbarkeit auf andere Städte in den Partnerländern diskutiert.

Lwiw und Stuttgart setzen auf Radinfrastruktur

Lwiw, die größte westukrainische Stadt mit rund 750.000 Einwohnern, legt großen Wert auf den Ausbau der Radinfrastruktur. Aktuell verfügt Lwiw nach Angaben von Pawlo Syrwatka, Abteilungsleiter für Investitionsprojekte des kommunalen Unternehmens Lwiwawtodor, mit über 100 Kilometern über die längste Fahrrad-Infrastruktur im gesamten Land: „Wir gehen das wie ein Bauprojekt mit entsprechend erforderlichen Investitionen an. Es reicht nicht, Teile des Bürgersteiges mit Farbe zu markieren.“ Auch Stuttgart setzt auf den Bau von Radwegen. Für die stark genutzte Pendelstrecke zwischen Stuttgart und Böblingen steht bereits ein acht Kilometer langer Radschnellweg zur Verfügung. Der Bau von weiteren 20 solcher Radschnellwege ist in Planung.

Straßennetz in der kasachischen Stadt Almaty

Almaty braucht den Tramverkehr

Jelena Jersakowitsch arbeitet seit 2013 an Mobilitätsstrategien für Almaty - mit zwei Millionen Einwohnern die größte Stadt Kasachstans. Sie berichtete von den ÖPNV-Problemen der Stadt. Jersakowitsch beklagte vor allem die Einstellung des Tramverkehrs in der Stadt. Zwar werde der Busverkehr stetig modernisiert, dieser könne aber nicht die gesamte wegfallende Mobilitätsleistung ersetzen. Zudem wäre es aus ihrer Sicht wichtig, den Großraum von Almaty mit S- und Regionalbahnen anzubinden, was derzeit nicht der Fall ist.

Karlsruhe mit Erfolgen im Digitalisierungsbereich

Karlsruhe verbessert seine Mobilität mit Hilfe der Digitalisierung. Die RegioMove-App ermöglicht eine bessere Verzahnung der Verkehrsmittel. Darüber hinaus sieht das „Karlsruher Modell“ vor, dass in Tram- und Regionalbahnnetzen dieselben Fahrzeuge fahren können, wodurch das Umsteigen an den Stadträndern entfällt. Auch zu autonomem Fahren und dem Einsatz von erneuerbaren Kraftstoffen gibt es bereits Pilotprojekte.

Ein E-Bus in der belarussischen Stadt Brest

Brest steigt auf E-Busse um

Die belarussische Stadt Brest setzt verstärkt auf den Ersatz umweltbelastender Dieselfahrzeuge durch E-Busse. Durch ein smartes Verkehrssystem mit vernetzen Ampeln und Busspuren sollen zudem die Verkehrsströme besser verteilt werden. „Wir haben einen nachhaltigen Mobilitätsplan entwickelt, dessen Schwerpunkt auf der Schaffung eines integrierten öffentlichen Verkehrssystems liegt“, sagt Alexej Schogal, Direktor des Kommunalunternehmens Brestgortrans. „Unser Ziel ist es, den Verkehr stärker auf die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger auszurichten.“

Die Länderübergreifende Dialogplattform Urbane Energieinfrastruktur

Mit der Länderübergreifenden Dialogplattform Urbane Energieinfrastruktur in Osteuropa und Zentralasien fördert die dena die Zusammenarbeit zwischen politischen und wirtschaftlichen Akteuren in Kasachstan, Usbekistan, Belarus, Russland und der Ukraine. Deutsche Unternehmen werden von der dena bei der Markterschließung in diesen Ländern unterstützt.

Die Europäische Mobilitätswoche

Einen entscheidenden Impuls bekam die Diskussion durch einen Beitrag zur Europäischen Mobilitätswoche. Seit 2002 organisiert die Europäische Kommission das Projekt jährlich vom 16. bis zum 22. September. Kommunen aus ganz Europa nehmen teil. Im Rahmen der Mobilitätswoche werden innovative Verkehrslösungen getestet und für nachhaltige Mobilität geworben. Einige Länder der Dialogplattform haben sich im vergangenen Jahr an der Aktion beteiligt und wollen dies wieder tun – beispielsweise mit organisierten Fahrradparaden auf gesperrten Straßen und autofreien Tagen.

Integrierte Mobilitätssysteme sind das Ziel

Auch wenn die Ausgangslagen der internationalen Städte natürlich nicht identisch sind, wurde im Austausch der Expertinnen und Experten deutlich, dass die Gemeinsamkeiten überwiegen. Erfolgreiche Maßnahmen lassen sich in den meisten Fällen übertragen. Die beteiligten Vertreterinnen und Vertreter aus den Ländern sind sich einig darüber, dass der motorisierte Individualverkehr deutlich reduziert werden muss. Gleiches gilt für einen deutlichen Ausbau von ÖPNV und den Wegenetzen für Fußgänger und Radfahrer. Grundsätzlich brauchen die Städte ein durchdachtes integriertes Mobilitätssystem, das diverse Verkehrsmittel und eine Vielzahl von Instrumenten sinnvoll vereint. Einzelne Maßnahmen sind für die Transformation städtischer Mobilität nicht ausreichend.

Mehr zum Thema

Städtebau mit der Schablone

Infrastrukturen und Gebäude in postsowjetischen Städten ähneln sich stark, da sie nach den gleichen Plänen errichtet wurden. Das birgt Chancen: Über… mehr lesen

Experten-Workshop „Energieeffiziente Quartiere“ in Berlin

Vom effizienten Haus zum Quartier

Bei der energieeffizienten Sanierung einzelner Gebäude haben die Länder Osteuropas und Zentralasiens schon einiges erreicht. Die Herausforderung… mehr lesen

„Die Potenziale sind riesig“

Noch Nischenprodukt oder schon Mainstream? Grüne Standards für den Bau und die Instandhaltung von Wohngebäuden und kommunalen Liegenschaften gewinnen… mehr lesen

Workshop „Energiemanagement in Regionen und Kommunen“ in Astana

Energiemanagement „bottom-up“

Welche Rolle spielen Städte und Kommunen beim Erreichen von nationalen Klimazielen? Und wie kann ein Energiemanagement dabei helfen? Bei einem… mehr lesen

Energetische Sanierung in der Ukraine

Über die eigenen vier Wände hinaus

Wie überzeugt man die Eigentümergemeinschaften von 20 Mehrfamilienhäusern in der Ukraine von einer umfassenden Sanierung? Wie räumt man Bedenken in… mehr lesen

Bildquellen:

  1. shutterstock.com/Rainer Fuhrmann
  2. shutterstock.com/Daniyarbek Turebekov
  3. shutterstock.com/Dmitry Chumichev