denaMagazin #1 11/2013

Pilotprojekte in China

Wandel auf breiter Spur

Chinas Regierung fördert nachhaltige Stadtentwicklung und energieeffizientes Bauen im Zeichen der sogenannten sauberen industriellen Revolution. Als strategischer Partner koordiniert die dena Pilotprojekte, bei denen Technologien und Erfahrungen aus Deutschland gefragt sind.

Dynamik: Auf dem Dach des Fernbahnhofs Hongqiao unmittelbar neben dem Flughafengebäude von Shanghai werden Photovoltaikelemente installiert Foto: dena

Die Wohnungen in den ersten vier Häusern sind schon nahezu ausverkauft. Wang Zhen, 58, ist stolz. Der Geschäftsführer des Immobilienentwicklers Hebei Wuxing Group führt über die Baustelle, wo derzeit das „Wasserfront“-Viertel entsteht: eine Wohnanlage in der nordchinesischen Drei-Millionen-Stadt Qinhuangdao, 270 Kilometer von Peking entfernt. Ein in China bislang noch seltenes Pilotprojekt: Wangs Unternehmen baut energieeffiziente Niedrigenergiehäuser mit Passivhaustechnologien, acht Hochhäuser à 18 Stockwerke. Insgesamt rund 80.000 Quadratmeter Wohnfläche, die ausgezeichnet sind mit dem neuen Energieausweis, den Experten der dena in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Bauministerium entwickelt haben.

Anschaulich: Das fertige Quartier als Modell für Kaufinteressenten Foto: dena

„Viele Wohnungskäufer sind skeptisch, wenn sie zum ersten Mal von Effizienzhäusern hören“

Wang Zhen, Immobilienuntenehmer

Noch sind die Fassaden unverputzt, auf der Baustelle wird gebohrt und gehämmert. Nur auf dem Balkon im zweiten Stock von Haus 15 wachsen bereits Kräuter. Wang Zhen und seine Frau sind hier vor einem Jahr eingezogen. Zum „Testwohnen“, so der Immobilienunternehmer. Der Chef misst jeden Tag Temperatur und Feuchtigkeit. „Viele Wohnungskäufer sind skeptisch, wenn sie zum ersten Mal von Effizienzhäusern hören“, sagt er. „Sie können sich nicht vorstellen, dass man im Winter ein Haus nicht beheizen muss und es drinnen trotzdem warm ist.“

Der deutsche Passivhaus-Standard diente als Vorbild für die „Wasserfront“-Häuser: Die Wände messen 25 Zentimeter Dicke, statt neun Zentimeter wie in China üblich. Die Fenster sind mit Dreifachglas versehen, eine ausgeklügelte Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung verhindert Wärmeverluste, Wasser wird durch Solarkollektoren an den Balkonbrüstungen erwärmt. Im Vergleich zu herkömmlichen Gebäuden in China sparen die „Wasserfront“-Häuser 80 Prozent an Energie ein.

„Viele Immobilienentwickler zögern, weil sie hohe Kosten fürchten.“

Wang Zhen, Immobilienuntenehmer

Wang hat dennoch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Nicht nur bei Käufern, sondern auch bei Kollegen aus der Branche. „Viele Immobilienentwickler zögern, weil sie hohe Kosten fürchten.“ Dabei betragen die Mehrkosten für die Effizienzhaus-Bauweise pro Quadratmeter im Schnitt nur umgerechnet 72 Euro – ein Preisanstieg von nur siebeneinhalb Prozent. „Dafür werden Familien hier jeden Winter umgerechnet 500 Euro Heizkosten sparen“, sagt Wang.

Neue Standards: Die Fenster werden viel dichter verfugt als in China üblich

„Dafür werden Familien hier jeden Winter umgerechnet 500 Euro Heizkosten sparen“

Wang Zhen, Immobilienuntenehmer

Das chinesische Bauministerium beobachtet das Projekt in Qinhuangdao ganz genau. Chinas Städte boomen, doch die meisten Neubauten sind weit davon entfernt, energieeffiziente Standards zu erfüllen. 500 Millionen Chinesen zogen in den letzten 30 Jahren aus der Provinz in die Städte. Jedes Jahr wächst der Gebäudebestand in der Volksrepublik um neun Prozent. In zwei Jahren entsteht so viel Wohnraum, wie insgesamt in Deutschland existiert. Eine Studie des chinesischen Bauministeriums hat allerdings ergeben, dass mehr als die Hälfte der existierenden Gebäude in China so viele Mängel aufweisen, dass sie in den nächsten zwanzig Jahren abgerissen werden müssen.

„Ist der Praxistest erfolgreich, werden wir im zweiten Schritt die Normen flächendeckend einführen.“ Wen Linfeng, Entwicklungsabteilung des Bauministeriums in Peking

"Die Regierung hat das Problem erkannt", sagt Nicole Pillen, zuständig bei der dena für internationale Projekte im Gebäudebereich. Seit 2011 pflegt die dena eine strategische Zusammenarbeit mit dem chinesischen Bauministerium. Das Ziel: die grüne Wende im Häuserbau. Zum ersten Mal ist die Förderung von energieeffizienten Gebäuden im aktuellen Fünf-Jahres-Plan festgeschrieben. Bis 2015 sollen 20 Prozent der Neubauten in chinesischen Großstädten nachhaltige Standards erfüllen. Der Wandel im Häuserbau ist Teil der „sauberen industriellen Revolution“, die die chinesische Regierung ausgerufen hat. China investiert so viel Geld wie kein anderes Land der Welt in erneuerbare Energien. Auch die Stadtplanung wird grün: In der Elf-Millionen-Metropole Tianjin soll ein Ökostadtteil halb so groß wie Manhattan demnächst Wohnraum für 350.000 Menschen bieten. Im nordchinesischen Changchun baut das deutsche Architekturbüro Albert Speer und Partner ein grünes Viertel für eine halbe Million Menschen. In Qingdao soll bis 2015 ein Entwurf des Hamburger Büros Gerkan, Marg und Partner (gmp) realisiert werden. „China hat bis vor Kurzem vor allem in spektakuläre Showarchitektur investiert“, sagt Stephan Schütz, Leiter der gmp-Niederlassung in Peking. „Nun öffnet sich das Land nachhaltigen Maßnahmen.“

Platz an der Sonne: Das Micro-E Hotel in Dezhou, Chinas erster „Solarstadt“, ist das größte mit Solarenergie betriebene Hotel der Welt Foto: dena

"Das Interesse an deutschen Bautechnologien ist enorm, sagt Nicole Pillen. Sie und ihre Kollegen reisen regelmäßig durch China, um bei lokalen Regierungen und Unternehmen für verbesserte Energiestandards zu werben und Pilotprojekte voranzutreiben. Interessierten  Immobilienentwicklern bietet die dena eine Begleitung des gesamten Prozesses als Qualitätssicherung, beispielsweise „Baustellen-Workshops“: Deutsche Experten zeigen chinesischen Kollegen an Musterhäusern, wie die Theorie in praktisches Know-how umgesetzt wird. „Wir begleiten die Projekte vom ersten Entwurf an bis zur Fertigstellung“, sagt Pillen. Derzeit stehen in China neben dem Projekt in Qinhuangdao fünf weitere Pilotprojekte unter der Schirmherrschaft der dena, darunter die bereits fertiggestellte Grundschule in Mianyang in der Provinz Sichuan und ein Multifunktionsgebäude in Shijiazhuang, Provinzhauptstadt von Hebei. Im nordchinesischen Harbin entwickeln die dena und die lokale Stadtregierung eine „Low Carbon Strategy“ für neue Stadtteile der zehn Millionen Einwohner zählenden Megastadt.

„Die größte Hürde ist bislang verlässliche Qualität“

Nicole Pillen

Bislang engagieren sich einzelne Städte freiwillig für grünes Bauen, doch schon bald könnten verbindliche Normen gelten – basierend auf deutschen Effizienzstandards.  „Momentan befinden wir uns im Versuchsstadium“, sagt Wen Linfeng, Vizedirektorin der Entwicklungsabteilung des chinesischen Bauministeriums. „Ist der Praxistest erfolgreich, werden wir im zweiten Schritt die Normen flächendeckend einführen.“ Die größte Hürde sei bislang verlässliche Qualität, sagt Nicole Pillen. Noch fehlen Fachleute und vielerorts auch das richtige Material. Pillen ist sich aber sicher: China werde in wenigen Jahren aufholen.

Das „Wasserfront“-Projekt in Qinhuangdao zeigt bereits erste Erfolge. Angeregt durch die Zusammenarbeit mit der dena hat die Provinzregierung von Hebei als erste Provinz des Landes eine Richtlinie für energieeffiziente Häuser verabschiedet. Immobilienentwickler Wang bekam im vergangenen Jahr viel Besuch: Mehr als 1.500 Regierungsbeamte, Architekten und Unternehmer aus allen Teilen des Landes wollten sehen, wie seine neuen Hochhäuser gebaut werden. Die Reaktion der meisten Gäste, erzählt Wang: „Nachhaltig zu bauen ist viel einfacher als gedacht.“ 

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Ausgabe #1, 11/2013

Ausgabe #1, 11/2013

In puncto Energiewende und nachhaltige Stadtentwicklung setzt die aufstrebende Wirtschaftsmacht auf Technologien und Know-how aus Deutschland.