denaMagazin #4 11/2014

Expo 2017

Grüne Energie in Kasachstan

Die ehemalige Sowjetrepublik ist reich an Öl, Gas und Kohle und nutzt diese Rohstoffe intensiv. Doch die Regierung hat eine Wende eingeleitet – und entdeckt als Gastgeber der Expo 2017 die erneuerbaren Energien.

„Öl und Gas sind endlich, aber mit Solarenergie ist das anders.“

Kasbek Baktybekow

Wenn Professor Kasbek Baktybekow seinen Schülern und Studenten die Zukunft zeigen will, fährt er mit ihnen im Aufzug in den achten Stock der Gumiljow-Universität. Dort steigt er eine Treppe hinauf und stößt die Metalltür nach draußen auf. Am Rand des Flachdachs steht eine Photovoltaikanlage. Der Physiker baut sich davor auf und erklärt, wie Sonnenstrahlen zu Strom werden. Baktybekow, ein älterer Herr mit grauem Haar, kariertem Hemd und Lederjacke, zeigt auf die Solarzellen und sagt: „Öl und Gas sind endlich, aber mit Solarenergie ist das anders.“

Installiert hat die Solaranlage vor zwei Jahren ein deutsches Unternehmen im Rahmen des dena-Solardachprogramms. Mit welcher Leistung die Module aktuell produzieren, lässt sich auf einem Display ablesen: sechs Kilowatt, der Strom fließt ins städtische Versorgungsnetz. Es ist nicht viel, aber ein Anfang für Kasachstan. Ein kleine, stille Revolution.

Lange schien es in Kasachstan wenig Grund zu geben, sich mit erneuerbaren Energien zu beschäftigen. Das zentralasiatische Land verfügt über gewaltige Bodenschätze: Kohle ist der Energieträger Nummer eins, Aufschwung und Wohlstand verdanken Kasachstan und besonders die Hauptstadt Astana den Exporten von Öl und Gas. Vom Dach der Universität aus ist deutlich zu sehen, wohin die Einnahmen geflossen sind: Im Süden der Stadt ragen die Wolkenkratzer des neuen Geschäfts- und Regierungsviertels in den Himmel. Die Stadtplaner ließen sich mal von chinesischen Pagoden, mal vom sowjetischen Zuckerbäckerstil inspirieren, die Oper ähnelt einem römischen Tempel. Astana ist ein kleines Dubai in der Steppe.

„Wenn die traditionellen Ressourcen erschöpft sind bleibt keine Energie mehr für die nächsten Generationen.“

inur Sospanowa

Im monumentalen Verwaltungsgebäude des Energieministeriums sitzt Ainur Sospanowa, zuständig für erneuerbare Energien, in ihrem Büro und berichtet von den ehrgeizigen Plänen ihrer Regierung. Hinter der Abteilungsleiterin steht eine Landesflagge in der Zimmerecke, sie zeigt eine goldene Sonne auf himmelblauem Tuch. Kasachstan kommt auf bis zu 3.000 Sonnenstunden im Jahr, die Nutzung von Solarenergie drängt sich förmlich auf. An der Wand neben dem Schreibtisch hängt eine Landkarte, auf der geeignete Standorte für Windparks farblich markiert sind, ein Großteil der Karte ist bunt. Kasachstan bietet großes Potenzial für erneuerbare Energien – bislang werden sie jedoch kaum genutzt. 

Doch das soll sich ändern. Wenn die traditionellen Ressourcen erschöpft sind, erklärt Sospanowa, „bleibt keine Energie mehr für die nächsten Generationen“. Ihr Land will den Strombedarf bis zum Jahr 2050 zu knapp 50 Prozent aus sogenannten grünen Energiequellen decken, zu denen hier allerdings auch die Atomenergie gezählt wird. So hat es Präsident Nursultan Nasarbajew vorgegeben. Der Anteil von Sonne und Wind soll bis 2020 auf drei Prozent steigen, was einer Leistung von bis zu 1.900 Megawatt entspricht, inklusive Wasser sollen die regenerativen Energien dann zehn Prozent ausmachen. Windparks, Wasser- und Solarkraftwerke sollen entstehen, erst vor Kurzem hat die Regierung Einspeisetarife für erneuerbare Energien festgelegt. 

Kasachstan orientiere sich an den Erfahrungen anderer Länder, besonders an Deutschland, sagt Ainur Sospanowa. Sie weiß, dass ihr Land einen weiten Weg vor sich hat, die herkömmliche Energieerzeugung sei in Kasachstan einfach sehr günstig. „Es ist wie in der Schule“, sagt sie: „Die erste Klasse ist am schwierigsten, danach wird es leichter.“ Derzeit gebe es noch einen hohen Aufklärungsbedarf bei Unternehmen und in der Bevölkerung.

Einen wichtigen Beitrag soll die Expo 2017 leisten, die in Astana stattfinden wird. „Energien der Zukunft“, mit diesem Motto hat Kasachstan den Zuschlag für die Weltausstellung gewonnen. Die Schau soll eine Bühne sein für energieeffiziente und innovative Techniken, für die grüne Welt von morgen. Zu sehen ist davon heute noch nichts. Zurzeit gießen die Arbeiter erst die Fundamente auf dem Expo-Gelände am Stadtrand, das von blickdichten Bauzäunen abgeschirmt wird.

„Öl und Gas sind endlich, aber mit Solarenergie ist das anders.“

Professor Kasbek Baktybekow, Universität Astana

Nur einige Hundert Meter weiter, wo bereits die kasachische Steppe beginnt, ist der saubere Strom längst in der Gegenwart angekommen. Hier produziert Astana Solar, ein Tochterunternehmen der staatlichen Atomagentur Kazatomprom, Solarzellen und Photovoltaikmodule mit einer Leistung von 50 Megawatt. „So etwas hat es vor uns in Kasachstan nicht gegeben“, erklärt Firmenchef Wjatscheslaw Sowjetskij, ein höflicher Mann mit rundlichem Gesicht. Präsident Nasarbajew hat die Fabrik eröffnet, sein Porträt hängt in Sowjetskijs Büro. Zwei Stockwerke tiefer, in der hellen Werkshalle, löten und pressen Arbeiter Solarzellen, Glasplatten und Aluminiumrahmen zusammen, moderne Maschinen und Roboterarme zischen und surren. Am Ende testen die Angestellten das Produkt unter künstlichem Sonnenlicht und prüfen die Solarzellen auf mögliche Kratzer. 350 Module können hier pro Schicht hergestellt werden, das dabei verwendete Silizium wird ausschließlich in Kasachstan produziert. 

Auch Sowjetskij betont, das es in seiner Heimat beim Thema erneuerbare Energien noch viel aufzuklären gebe. An einigen Orten im Stadtzentrum können die Bürger den Gebrauch von Sonnenenergie bereits im Alltag beobachten. Warnlichter an Zebrastreifen und automatische Fahrrad-Verleihstationen sind mit kleinen Solarmodulen ausgestattet. 

Bis sich erneuerbare Energien für Unternehmen rentieren, dürften noch einige Jahre vergehen. Leichter zu vermitteln als alternative Energiequellen ist in Kasachstan der offensichtliche wirtschaftliche Nutzen von Energieeffizienz. Die Industrie arbeitet extrem energieintensiv, viele Anlagen sind veraltet, mehr als zwei Drittel der aufgewendeten Energie gehen verloren. In den nächsten fünf Jahren aber soll der Energieverbrauch um 15 Prozent gesenkt werden. Seit Anfang 2012 existiert ein Gesetz zu Energieeinsparung und Energieeffizienz. Es verpflichtet staatliche und private Unternehmen mit einem jährlichen Energieverbrauch von mehr als 1.500 Tonnen Steinkohleeinheiten dazu, Energieaudits durchzuführen.

„Bei der Ausarbeitung der Effizienzprogramme und erster Energieaudits in Kasachstan war die dena uns eine enorme Hilfe.“

Albert Rau, Vizeminister für Investitionen und Entwicklung

In einem nächsten Schritt müssen die Unternehmen Energieeffizienzprogramme und Energiesparziele entwickeln, erläutert Albert Rau, Vizeminister für Investitionen und Entwicklung und zuständig für die neue Sparsamkeit. Der Politiker beschreibt sein Prinzip als Zuckerbrot und Peitsche: Für die vorgeschriebene Einsparung von Energie will die Regierung Finanzierungshilfen oder Steuererleichterungen gewähren. Aus seinem Büro im 26. Stock eines bronzeverspiegelten Hochhauses blickt Rau auf Baukräne am Stadtrand, Astana wächst. 

Wer heute neue Gebäude errichtet, achtet inzwischen stärker auf eine energieeffiziente Bauweise. Die Einstellung im Land ändere sich, sagt Rau, allerdings langsam. Vielen Unternehmen und Bürgern gefielen die neuen Vorschriften nicht, weil sie die bisher niedrigen Energiekosten gewöhnt seien. Der Vizeminister nennt das die „alte Mentalität“. Auf Reformen, so der 54-Jährige, habe man doch nie Lust. „Dabei ist es wichtig für unsere wirtschaftliche Entwicklung“, sagt Rau: „Wer fortschrittlich und konkurrenzfähig sein will, muss Energie sparen.“ Er setzt dabei auch auf Zusammenarbeit mit deutschen Experten. „Bei der Ausarbeitung der Effizienzprogramme und erster Energieaudits in Kasachstan war die dena uns eine enorme Hilfe. Ihr Know-how möchten wir auch bei künftigen Projekten nutzen.“

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Ausgabe #4, 11/2014

Ausgabe #4, 11/2014

Wie geht es mit dem Netzausbau weiter? Reise durch eine Republik, die ihren Weg zur Energiewende sucht.