Power to Gas

Jetzt handeln: Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt

Der Handlungsdruck ist hoch beim Thema Umwandlung von Strom zu Gas (Power to Gas). Das Klimaabkommen von Paris verlangt rasches Handeln. Der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt im Stromsektor zwar schnell voran, in Verkehr und Wärme dagegen nur schleppend. Auf der Jahreskonferenz der dena-Strategieplattform Power to Gas wurde deutlich: An Lösungsansätzen mangelt es nicht. Es kommt darauf an, diese jetzt auch politisch umzusetzen.

Jahreskonferenz Power to Gas
Dr. Robert Habeck, Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein; Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung

Anlehnungen an den Fußball ließen sich kaum vermeiden, als rund 200 Entscheider und Experten auf der Jahreskonferenz Power to Gas der dena-Strategieplattform am 21. Juni in Berlin, mitten in der Vorrunde der Fußball-Europameisterschaft, über die Perspektiven für Power to Gas und Sektorkopplung in der Energiewende diskutierten. „Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt, doch wir stolpern schon beim Anlauf“, fasste etwa Robert Habeck, Energiewendeminister von Schleswig-Holstein, die Lage bei der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) zusammen.

Schleswig Holstein hatte vorgeschlagen, vergüteten Strom aus Wind und Sonne bei Netzengpässen für die Nutzung freizugeben, anstatt ihn abzuregeln. Zum Zeitpunkt der Konferenz war dieser Vorschlag nur in einer sehr reduzierten Form in der EEG-Novelle berücksichtigt worden. Nur bestehende Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen (KWK) sollten den überschüssigen Strom nutzen können. Andere Technologien wie etwa Power-to-Gas-Anlagen kämen damit nicht zum Zug.

Dass der Bedarf für Power to Gas groß ist, darin waren sich die Teilnehmer der Konferenz einig, erst recht angesichts des ehrgeizigen Klimaabkommens von Paris. Power to Gas sei eine Schlüsseltechnologie für den Klimaschutz. Die entscheidende Herausforderung stelle sich derzeit nicht bei den Kosten oder der Effizienz der Technologie, sondern bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen.

Andreas Kuhlmann auf dem Podium

Vorwärts mit Kick-and-rush

Mehr Mut forderte auch der Vorsitzende der dena-Geschäftsführung Andreas Kuhlmann zum Abschluss der Konferenz. Bei der Entscheidung für das EEG vor 16 Jahren sei die Politik mutig gewesen und hätte wie beim Kick-and-rush den Ball einfach mal weit nach vorne gespielt, auch wenn damals nicht alle Folgen absehbar waren: „Wir brauchen in der Energiewende mehr Freiräume für innovative Technologien. Dafür sollten wir mehr wagen und keine Angst vor Fehlern haben. Bei jedem Gesetz sollten wir uns fragen, ob wir damit Innovationen voranbringen oder behindern.“

Nicht nur mit dem EEG ließen sich Freiräume für Power to Gas und andere klimaschonende Innovationen zur Verwertung von überschüssigem Strom schaffen. Der Potenzialatlas Power to Gas, den die dena auf der Konferenz vorstellte, gibt weitere Handlungsempfehlungen. Zum Beispiel sollten Power-to-Gas-Anlagen beim Bezug von Strom nicht länger mit Abgaben für Letztverbraucher belastet, sondern als Speicher definiert werden. Denn Strom wird durch Power to Gas nicht verbraucht, sondern umgewandelt, gespeichert und für andere Nutzungen zugänglich gemacht. Dafür wäre eine Änderung im Strommarktgesetz erforderlich. Ohne Letztverbraucherabgaben würde sich die Kostenbilanz von Power-to-Gas-Anlagen entscheidend verbessern.

Garrelt Duin, Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes Nordrhein-Westfalen

Vorwärts ging es bereits bei der Novelle des Bundesimmissionsschutzgesetzes, die im Juni vom Bundestag verabschiedet wurde. Hier werden Kraftstoffe wie Wasserstoff und synthetisches Methan, die mithilfe von erneuerbarem Strom hergestellt wurden, in Zukunft als „fortschrittliche Kraftstoffe“ eingestuft und können so zum Erreichen der Treibhausgas- minderungsquote beitragen. Dies entspricht auch den Vorgaben der EU-Richtlinie über die Qualität von Kraftstoffen (Fuel Quality Directive).

Parlamentarischer Staatssekretär Enak Ferlemann, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur

Potenzialatlas identifiziert vier Schwerpunktregionen

Der Potenzialatlas Power to Gas zeigt, welche Anwendungen und Regionen in Deutschland die besten Voraussetzungen für die Marktentwicklung bieten und was getan werden muss, um die Rahmenbedingungen zu verbessern. Für die Analyse hat die dena Experten aus Politik, Unternehmen, Verbänden und Forschung befragt und zahlreiche Studien ausgewertet. Der Atlas erleichtert es Unternehmen, geeignete Standorte für Power-to-Gas-Anlagen zu finden. Politische Entscheidungsträger können anhand der Informationen regionale Einsatzmöglichkeiten für Power to Gas besser einschätzen.

Besonders günstige Standorte für die Marktentwicklung bieten demnach die Regionen Unterelbe-Weser-Ems, Mitteldeutschland-Berlin-Brandenburg, Neckar und Rhein-Main-Ruhr. Hier bestehen bereits verschiedene Pilotprojekte, weitere sind geplant. Standorte für die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien und für die Nutzung von Wasserstoff und Methan aus Power to Gas sind vorhanden und lassen sich gut miteinander verbinden. Wichtig sind dabei insbesondere Perspektiven für die Nutzung von Wasserstoff und Methan in der Mobilität, weil Power to Gas in diesem Sektor die besten Marktchancen hat. Auch die Anbindung an Standorte der Chemieindustrie wirkt sich positiv aus, wenn dort Wasserstoff gebraucht wird.

Schließlich zeichnen sich die Schwerpunktregionen dadurch aus, dass die Landespolitik die bereits vorhandenen Spielräume nutzt und den Ausbau von Power to Gas anstrebt. Dafür sollte die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure in Bund, Ländern, Kommunen, Wirtschaft und Forschung verstärkt werden.

Plattform bündelt Kräfte für Power to Gas

Die Strategieplattform Power to Gas setzt sich für die Weiterentwicklung der Systemlösung Power to Gas ein. Sie wird von der dena gemeinsam mit 38 Partnern aus Wirtschaft, Forschung und Verbänden umgesetzt.

Weitere Informationen zum Potenzialatlas und zur Strategieplattform unterwww.powertogas.info.

Podiumsdiskussion mit: Ursula Heller, Bayerischer Rundfunk; Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation, Greenpeace Energy eG; Dr. Robert Habeck; Dr. Kathrin Goldammer, Reiner Lemoine Institut gGmbH; Dr. Alois Kessler, Teamleiter Forschung & Entwicklung, EnBW AG; Andreas Kuhlmann