Interview Ranga Yogeshwar und Andreas Kuhlmann

Innovation passiert einfach

Der technologische Fortschritt braucht Freiräume und neue Denkmuster. Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar und dena-Chef Andreas Kuhlmann – beide Physiker – sind überzeugt, dass weniger Regulierung und mehr Kreativität die Energiewende voranbringen

Herr Yogeshwar, welche Energietechnik begeistert Sie?

Yogeshwar: Die in meinem Haus. Von der Isolierung über Solarthermiemodule auf dem Dach bis zu einem Ofen, der an die Heizung gekoppelt ist. Das zentrale Thema ist Steuerung. Wenn man das clever macht, spart man eine Menge CO2 ein. Ich habe den CO2-Ausstoß meines Hauses mehr als halbiert.

Und bei Ihnen, Herr Kuhlmann?

Mich faszinieren insbesondere Technologien, die die Dinge zusammenführen. Wir haben heute die vielfältigste Energieversorgung der Welt. Zahlreiche Möglichkeiten der Energieerzeugung, Speicherung und Steuerung stehen uns zur Verfügung. Wie man das alles smart zusammenbringt, finde ich außerordentlich faszinierend. Ob im großen oder kleinen Maßstab.

Ranga Yogeshwar: Der in Luxemburg geborene Physiker und Nuklearforscher zählt zu den renommiertesten und populärsten Wissenschaftsjournalisten Deutschlands. Er moderiert unter anderem die TV-Sendungen „Quarks & Co“ und „Die große Show der Naturwunder“.

Herr Yogeshwar, Sie kennen den CO2-Ausstoß Ihres Hauses. Ist ein Bewusstsein für die Themen Energieverbrauch und Energiesparen wichtig?

Yogeshwar: Absolut. Um die Energiewende und Klimaschutzziele zu erreichen, braucht es das als Grundlage. Wenn Sie einen Menschen fragen, wie viel sein Auto verbraucht, nennt er eine Zahl. Er hat ein Gefühl dafür. Aber wie hoch ist der Energieverbrauch seines Hauses pro Quadratmeter? Steigt der Stromverbrauch oder sinkt er? Da fällt das Schätzen schon schwerer. Ich glaube, hier helfen neue Technologien, uns Kenngrößen zu liefern und Vergleichbarkeit herzustellen.

Treffen der Physiker: Ranga Yogeshwar und Andreas Kuhlmann

Mehr Transparenz führt zu einem neuen Bewusstsein und bewirkt Verhaltensänderungen?

Kuhlmann: Genau so. Bis vor wenigen Jahren hieß es, Transparenz über Energieverbräuche bringe nichts. Heute wissen wir, dass das nicht stimmt. Ich finde es großartig, dass neue, digitale Technologien den realen Verbrauch visualisieren und ein Bewusstsein dafür herstellen. Ich würde mir wünschen, dass die Politik mehr Anstöße gibt, solche Zahlen erfahrbar zu machen, wie den Literverbrauch Kraftstoff pro 100 Kilometer. Das schafft Effizienz – bei privaten Verbrauchern, in der industriellen Produktion und im Verkehrssektor.

„Wo Märkte sind, wird Innovation plötzlich ganz leicht möglich. Auch ohne die Politik.“

Andreas Kuhlmann

Ist Energieeffizienz ein Treiber für Innovationen?

Kuhlmann: Ja. Nehmen Sie die LED-Technologie, ein echter Game Changer im Bereich Beleuchtung. Weil Technologien wie diese leichter zu handhaben sind und kostengünstiger werden, gibt es immer mehr Leute außerhalb der klassischen Energiebranche, die ein Stück vom Kuchen haben möchten. Plötzlich baut ein Start-up mit Daimler eine 13‑Megawatt-Batterie für Regelenergie. Das zeigt: Wo Märkte sind, wird Innovation plötzlich ganz leicht möglich, sie passiert einfach. Auch in Bereichen, die die Politik gar nicht im Blick hat.

Yogeshwar: Politik ist leider immer etwas langsam. Die Energiewende wird nach wie vor schlecht gemanagt – das ist ihr großes Trauma. Das ganze Thema zerfällt in Zuständigkeiten von Wirtschaftsministerium, Umweltministerium und Bundeskanzleramt. Für die Themen Elektromobilität und Speichertechnologien sind zwei unterschiedliche Ministerien zuständig. Die Umsetzung muss beschleunigt werden. Ich fordere deshalb schon lange einen Energiebeauftragten mit Kompetenzen und Entscheidungsbefugnissen.

Andreas Kuhlmann: Der Physiker ist Vorsitzender der dena-Geschäftsführung. Nach Stationen als Referent im Europaparlament und im Deutschen Bundestag verantwortete er fünf Jahre lang den Bereich Strategie beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW.

Das wäre doch eine schöne Aufgabe für dena.

Kuhlmann: Ja, das wäre es. Wichtig ist aber auch, mit welcher Haltung wir die Energiewende gestalten. Wissen wir heute schon, was 2050 sein wird? Reicht es, sich nun einfach auf das Durchregulieren zu verlassen? Oder müssen wir nicht viel offener sein und in allen Bereichen der Politik fragen: Wie fördern wir Innovationen, damit das Projekt Energiewende wirklich gelingt?

Wissenschaftsjournalist Yogeshwar befürwortet einen Energiebeauftragten.

Herr Yogeshwar, sollten wir in Sachen Energiewende so weitermachen oder deren Zukunft aus einem anderen Blickwinkel betrachten?

Yogeshwar: Wenn wir in die Zukunft schauen, machen wir immer einen Fehler. Wir sind zu sehr produkt- und zu wenig prozesszentriert. Ein Beispiel: Vor 30 Jahren wurden Sie bei Freunden zum Abendessen eingeladen. Und plötzlich kam aus einer Küche, die Sie nie betraten, der Braten auf den Tisch. Das war produktzentriert. Heute ist die Architektur der Küchen komplett anders. Man kocht gemeinsam. Das Ganze ist prozesszentriert. Bei der Energiewende stecken wir noch im alten Denken fest. Wir haben klare Hausaufgaben, was CO2-Ausstöße, Ressourcenverbrauch und Luftqualität betrifft. Das Erreichen dieser Ziele müssen wir als offenen Prozess begreifen, statt absurde Rahmenbedingungen zu setzen, die außer Acht lassen, dass Fortschritt uns manchmal überrascht.

Womit zum Beispiel?

Yogeshwar: Mit Synergien. Was hatten Software-Experten früher mit Energie zu tun? Plötzlich stellt man fest, dass allein die Veränderung von Algorithmen dazu führt, dass wir weniger Energie verbrauchen. Es gibt viele Bereiche, die von neuen Systemen profitieren. Ich frage mich, warum es noch eine Abgasuntersuchung gibt. Heute ist es technologisch kein Problem, für wenig Geld Sensoren in Autos zu bauen, die während der Fahrt Emissionen messen und Probleme sofort melden. Und das kann man zum Beispiel auch bei Heizungen machen. Technologie verändert gewissermaßen die „Grammatik“.

„Wir brauchen Modellräume. In einem ganzen Quartier als Energiewendelabor könnten die Menschen direkt von unseren Experimenten profitieren.“

Andreas Kuhlmann

Wie können wir unsere Denkstrukturen dieser neuen Grammatik anpassen?

Kuhlmann: Dafür brauchen wir Modellräume. Zum Beispiel ein ganzes Quartier als Energiewendelabor, in dem wir zeigen können, was jetzt schon geht. Und zwar mit Unterstützung der Menschen, die davon – durch Energieeffizienz zum Beispiel – direkt profitieren. Wir müssen das, was geht, auch direkt greifbar machen.

Yogeshwar: Meine These ist, dass Energieeffizienz immer an eine Vereinfachung gekoppelt ist. Viele dachten bislang, sie macht die Welt komplizierter. Aber nur, wenn man auf alten Strukturen beharrt. Wenn man neu denkt, wird es oft viel einfacher.

Aber im „Backend“ wird es ja auch komplizierter, nicht zuletzt durch komplexe Vernetzungstechnologien.

Kuhlmann: Ein Fernseher ist technologisch komplexer als das Theater. Und trotzdem ist das Fernsehen leichter verfügbar und weniger aufwendig als ein Theaterbesuch. Die Kernfrage ist, wie anwender- oder kundenfreundlich man komplexe Technologien gestalten kann. Auch bei der Energiewende.
Yogeshwar: Viele dieser Technologien sind Querschnittstechnologien, die in verschiedenen Bereichen Anwendung finden. In den Megastädten Chinas merkt man täglich, dass Energieeffizienz notwendig ist, gepaart mit einer Reduzierung schädlicher Ausstöße wie CO2. Für Bejing oder Shanghai gibt es Apps, die mir nach drei Klicks die aktuelle Luftqualität zeigen. Dahinter steckt komplexe Technologie wie ein vernetztes Messsystem, das die Daten aufbereitet und visualisiert. Diese Infrastruktur gibt es in so vielen Bereichen. Ich bin zuversichtlich, dass man davon auch bei der Energiewende profitieren kann.

Andreas Kuhlmann möchte eine positive Stimmung für die Energiewende erzeugen.

Wie können Sie als Kommunikatoren Menschen von den Chancen innovativer Technologien überzeugen?

Kuhlmann: Wir müssen die Begeisterung für die Energiewende weiter befeuern. Momentan erinnert mich die Energiewende an den Scheinriesen TurTur aus „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Von Weitem ist die Begeisterung groß. Je näher man an die Umsetzung kommt, desto kleiner wird sie. Es herrscht eine resignative Stimmung. Einerseits sollten wir natürlich berechtigte Sorgen ernst nehmen. Andererseits gibt es viele begeisterte und innovative Menschen, die dieses Gigantische und Spannende neu beleben.

„Die junge Generation ist bereit für die Energiewende. Aber sie will sich nicht top-down sagen lassen, was gut ist und was schlecht.“

Ranga Yogeshwar

Yogeshwar: Dafür müssen wir uns von alten Ansätzen lösen. Die junge Generation ist bereit, will sich aber nicht mit knarziger Top-down-Stimme sagen lassen, was gut oder schlecht ist. Allein, dass sich diese Generation vom Auto abkehrt, hat energetisch gesehen enorme Relevanz. Und die Player waren weder die deutsche Autoindustrie, noch hat die deutsche Politik gesagt, wir brauchen autofreie Städte. Carsharing beweist, dass es ethische und praktische Ideen gibt, die einfach funktionieren und Spaß machen. So müssen wir die Energiewende kommunizieren.

Carsharing zeigt, wie schnell sich etwas Neues etablieren kann. Wie lange glauben Sie dauert es, bis smarte Technologien etwas völlig Normales sind?

Kuhlmann: Möglicherweise wird das gerade im Gebäudebereich viel schneller geschehen, als man denkt. Ich finde beispielsweise ganz interessant, wie sich so manche Grundeinstellungen ändern. Vor wenigen Jahren haben noch viele gesagt, Autarkie ist wichtig. Heute ist derjenige der clevere Energieerzeuger, der sich mit anderen vernetzen will und dadurch vielleicht noch Geld am Strommarkt verdienen kann.

Für Kuhlmann ein Kernthema: Komplexe Technologien anwenderfreundlich gestalten

Yogeshwar: Vernetzung, gerade im Energiesektor, kann viel verändern. Insbesondere, wenn plötzlich Produzent und Konsument eins werden, zum sogenannten Prosumer. Dann entsteht ein Geben und Nehmen von Energie. Das kann viele zum Teil herausfordernde Zusätze obsolet machen – denken wir an Speicherung – oder zumindest dramatisch reduzieren. Ein anderes Beispiel sind moderne Hochhäuser, die energetisch inzwischen sensationelle Dinge machen. Die verbrauchen keine Energie mehr. Was, wenn unsere Häuser zu echten Energieproduzenten werden? Da ändert sich gerade etwas und das zieht wiederum neue Veränderungen nach sich. Ein sehr dynamischer Prozess.

Eine Frage an den Physiker in Ihnen. Welche Technologie möchten Sie persönlich gern erfinden?

Kuhlmann: Ein kostengünstiges, emissionsfreies Off-Grid-Kraftwerk zu entwickeln, wäre toll. Aber ich sehe mich eher als Enabler denn als Daniel Düsentrieb. Als jemanden, der zuhört, vermittelt und unterstützt.

Yogeshwar: Wenn ich bei der guten Fee einen Wunsch frei hätte, würde ich eine neue Batterie erfinden und morgen zum reichsten Mann der Welt werden. Damit wäre ich auch ein ziemlich cooler Enabler.

dena Magazin

Ausgabe #8, 11/2016

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Erneuerbare Energien sind etabliert. Jetzt geht es darum, Themen wie Energieeffizienz, Netzausbau und Sektorkopplung voranzutreiben. Worauf es dabei ankommt - jetzt im dena Magazin.