dena-Chef Andreas Kuhlmann im Handelsblatt-Interview

„Von Vollendung kann keine Rede sein“

In einem Interview mit dem Handelsblatt spricht Andreas Kuhlmann über die Energiewende und die Herausforderungen für die kommende Legislaturperiode.

Herr Kuhlmann, in der zu Ende gehenden Legislaturperiode sind in der Energiepolitik entscheidende Weichen gestellt worden. Allein das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wurde zweimal grundlegend geändert. Ist damit der Weg frei für die Vollendung der Energiewende?

Richtig, in dieser Legislaturperiode wurde viel neu geregelt. Dazu gehört auch die längst überfällige Umstellung auf Ausschreibungen beim EEG. Aber von Vollendung kann keine Rede sein. Auch die nächste Bundesregierung steht vor großen Herausforderungen. Will sie auch nur halbwegs die von der Großen Koalition beschlossenen Klimaschutzziele erreichen, stehen erhebliche Veränderungen bevor.

Welches Thema sollte die nächste Regierung zuerst anpacken?

Bei denen, die sich täglich mit der Energiewende beschäftigen, gibt es da keinen Zweifel: Das gegenwärtige System von Umlagen, Regulierung und ökonomischen Anreizen führt in eine Sackgasse. Es ist viel zu verkrustet und komplex. Es verhindert Innovationen und entfaltet längst nicht mehr die erforderliche Steuerungswirkung. Das  sollte oberste Priorität haben.

Warum spielt das im Wahlkampf bislang kaum eine Rolle?

Das ist ein Jammer! Aber es geht um viel. Rund 215 Milliarden Euro haben Deutschlands Verbraucher  2015 für Energie ausgegeben. Ändert man den ökonomischen Rahmen, wird es zu erheblichen Umverteilungen kommen. Jede Veränderung wird schwierige Diskussionen mit sich bringen. Aber so wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. Höchste Zeit also, darüber zu reden.

Kennen Sie einen Königsweg?

Viele Unternehmen und Akteure sprechen sich für eine stärkere Bepreisung von Kohlendioxid aus. Das scheint mir ein vernünftiger Ansatz zu sein. Schließlich steht ja die Reduktion von Treibhausgasen im Fokus der Energiewende. Das jetzige System von Umlagen und Abgaben dient im Wesentlichen der Refinanzierung von Investitionen. Die damit verbundene Lenkungswirkung im Sinne des Klimaschutzes kommt viel zu kurz. Angesichts der gigantischen Summen führt das zu Fehlanreizen und Investitionsblockaden. Eine stärkere Ausrichtung auf CO2-Vermeidung würde das ändern. Vor allem wenn im Gegenzug andere Kosten wegfallen und Komplexität im Umlagen- und Abgaben-Dschungel reduziert würde. Das würde eine erhebliche Innovationsdynamik entfalten.

Wo beginnt für Sie die Energiewende, wo endet sie?

Energiewende betrifft die verschiedensten Infrastrukturen: Stromnetze, Gasnetze, Nah- und Fernwärmenetze. Aber auch Straßen, Lade-  oder Tankinfrastruktur und die IT. Es geht um die Frage, wie wir in Zukunft unsere Wohnungen beheizen und Mobilität organisieren. Aber es geht auch um die Zukunft wichtiger industrieller Prozesse und deren Innovationszyklen, wie etwa in der Stahlerzeugung. Wie kann das in Zukunft klimaneutral gelingen und wie können wir dafür die besten Voraussetzungen schaffen. All diese Themen sind wie kommunizierende Röhren zu betrachten.

Kurzer Blick zurück: Was ist bei der Energiewende in den vergangenen Jahren falsch gelaufen?

Die unnötig überhöhte EEG-Umlage und die ärgerliche Diskrepanz zwischen dem Ausbau erneuerbarer Energien und den dafür erforderlichen Netzen gehören dazu. Das wiederum hat eine berechtigte Kosten- und Akzeptanzdiskussion ausgelöst und für viel Verunsicherung gesorgt.

Welche Lehren muss man daraus ziehen?

Die Fehler sind gemacht. Sie sind kaum korrigierbar. Sie dürfen aber nicht dazu führen, dass wir bei den nächsten Schritten hasenfüßig sind. Besser ist es, weiter darauf zu drängen, bei dem an globaler Bedeutung gewinnenden Projekt Energiewende eine Vorreiterrolle zu haben. Das erfordert Mut und Entschlossenheit. Dafür wiederum braucht man intensive und ehrliche Debatten. Am besten im Wahlkampf, denn da werden ja wirklich die Weichen für die Zukunft gestellt.

Welchen Beitrag leistet die dena dazu, um die Dinge voran zu treiben?

Aktuell erarbeiten wir zum Beispiel mit rund 50 Akteuren aus der Wirtschaft und einem breit aufgestellten Beirat die „dena-Leitstudie Integrierte Energiewende“. Wir suchen nach realistischen Transaktionspfaden zur Erreichung der Klimaziele aus der Sicht derjenigen, die sie am Ende umsetzen müssen. Das wurde bislang versäumt.

Zuerst erschienen im Handelsblatt am 23. August 2017, Autor: Klaus Stratmann. © Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. www.handelsblatt.com