Standpunkt von dena-Chef Andreas Kuhlmann in der FAZ

Jobmotor Energiewende

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist ein Standpunkt von Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung, zum Thema Jobs und Energiewende erschienen. Eine Replik auf Manuel Frondels Analyse „Arbeitsplatzillusion Energiewende“ vom 14. Juli 2017.

Wenn es um das Thema Jobs und Energiewende geht, setzen wir immer noch die falschen Akzente. So auch in der lesenswerten Analyse von Prof. Manuel Frondel (FAZ, 14.7.17). Hier werden erneut alte Energiewirtschaft und erneuerbare Energien gegeneinander in Stellung gebracht. Doch Energiewende ist längst mehr als der Ausbau von Windrädern und Solaranlagen. Es geht auch um Energieeffizienz, in Gebäuden, Industrie und Verkehr. Es geht vor allem auch um neue Energiedienstleistungen, um Digitalisierung, Netze, Speicher, Steuerung und Umbau des Energiesystems und der Produktionsprozesse. Wer den Arbeitsmarkteffekt und den volkswirtschaftlichen Nutzen der Energiewende bilanzieren will, sollte das ganze Spektrum im Blick haben. Im Ergebnis wird sich die Energiewende aller Voraussicht nach als Jobmotor und Konjunkturprogramm erweisen – wenn wir sie konzentriert und mit Mut weiter voranbringen.

In einem wichtigen Punkt hat Frondel allerdings vollkommen recht: Die Datengrundlage zur Berechnung der volkswirtschaftlichen Effekte der Energiewende ist dürftig. Das gilt erst recht, wenn man über die erneuerbaren Energien hinausschaut. Angesichts der gewaltigen Summen und der großen ökonomischen Verteilungseffekte ist es verwunderlich – wenn nicht gar fahrlässig – dass es noch immer keine ausreichend breite Betrachtung der volkswirtschaftlichen Effekte gibt. Sicher ist: Wir brauchen neben dem Monitoring-Prozess „Energie der Zukunft“ auch eine gründliche ökonomische Betrachtung der Auswirkungen auf Wachstum, Arbeitsplätze und Zukunftsfähigkeit am Industriestandort Deutschland. Voraussetzung dafür ist Klarheit, Transparenz und eine ehrliche Debatte.

Beispiel Energieeffizienz: Hier gibt es einige Studien, die zum Teil weit auseinandergehen. Sie alle zeigen: Das Potential für Arbeitsplätze, Export und Wachstum ist riesig. Dass deutsche Unternehmen hier international erfolgreich sind, liegt nicht zuletzt auch an den ambitionierten Energiewendezielen. Im gesamten Bereich Energieeffizienz waren 2015 nach Schätzungen der Branche rund 537.000 Arbeitnehmer beschäftigt. Bis im Jahr 2020 sollen weitere 190.000 Arbeitsplätze dazukommen, insbesondere in der Baubranche. Die von Frondel zitierten rund 400.000 Arbeitsplätze, die für den Bereich erneuerbare Energien bis im Jahr 2020 prognostiziert werden, sind also längst nicht alles.

Wenn im Zusammenhang mit der Energiewende vom Strukturwandel die Rede ist, dann meistens im Sinne von Arbeitsplatzabbau – in Braunkohlerevieren, in der Energiewirtschaft insgesamt oder in der Automobilindustrie. Es werden Arbeitsplätze wegfallen, das ist sicher. Aber die eigentliche Frage ist, wie viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden können. In vielen Regionen und Städten sehen wir heute schon, dass Energiewende auch ein Treiber von neuen Geschäftsmodellen und Industrieansiedlungen ist. Startup-Unternehmen arbeiten an Lösungen für die betroffenen Sektoren. Städte und Kommunen machen sich auf den Weg in die urbane Energiewende. Küstenregionen bauen Standorte für Offshore-Windindustrie auf und bieten Absatzmöglichkeiten für neue Zulieferindustrien. Strukturwandel kann auch neue Perspektiven schaffen.

Für eine Analyse der Nettobeschäftigungseffekte, also der Differenz aus wegfallender Beschäftigung und an anderer Stelle geschaffener Arbeitsplätze, fehlen uns Daten und Analysen. Vor allem die Definition eines Referenzmodells ohne Energiewende ist schwierig. Allerdings: Die Welt würde sich auch ohne Deutschlands Vorreiterrolle weiterentwickeln. Der internationale Klimaschutz und die globale Energiewende gewinnen durch das Pariser Abkommen an Fahrt, auch wenn die USA sich derzeit schwer tun. Energieeffizienz, erneuerbare Energien und integrierte Energiesysteme werden in Zukunft gefragter sein denn je. Digitalisierung und Dezentralisierung treiben neue Ideen. Industrie 4.0, die Zukunft der Mobilität, Smart Cities: All das muss in Zukunft zusammengedacht werden, wenn wir erfolgreich sein wollen. Integrierte Energiewende kann ein Fortschrittsmotor sein, über alle Sektoren hinweg. Ohne die Energiewende im eigenen Land hätten deutsche Unternehmen schlechtere Chancen, in diesen globalen Zukunftsmärkten zu bestehen. Besser ist es, eine einmal gewonnene Vorreiterrolle zu verteidigen oder sogar noch auszubauen.

Für eine Politik, die bei der Energiewende sowohl Arbeitsplätze als auch den volkswirtschaftlichen Nutzen insgesamt im Blick hat, sollte gelten: Die wirkliche Herausforderung liegt nicht im Ausbau der erneuerbaren Energien im Stromsektor. Das ist zwar immer noch wichtig, aber da haben wir bereits viel erreicht. Es geht jetzt darum, erneuerbare Energieträger auch in Wärme, Industrie und vor allem im Verkehr voranzubringen, Energieeffizienz in allen Sektoren zu steigern und das Energiesystem als Ganzes mit seinen vielen Teilen effizient zu vernetzen. Diese Entwicklung lässt sich nicht von oben herab über Jahrzehnte hinweg durchplanen. Es braucht Rahmenbedingungen, die kluge Anreize setzen und Freiräume für Unternehmergeist und Innovationen schaffen. Die Weichen dafür müssen in der kommenden Legislaturperiode gestellt werden. Umso erstaunlicher, dass Energiewende als Kernthema im Bundestagswahlkampf noch nicht angekommen ist.

Zuerst erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 29. Juli 2017