Im Gespräch: Antje Danielson über die Mobilität der Zukunft

„Es gibt keine Silver Bullet“

Auf den richtigen Mix kommt es bei der Mobilität an: Dr. Antje Danielson, Gründerin von Zipcar und „Director of Education“ der Energy Initiative des Massachusetts Institute of Technology (MIT) über die klimaneutrale Mobilität der Zukunft.

Frau Dr. Danielson, die Zukunft der Mobilität in den Städten soll CO2-frei sein – weltweit. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Trends?

Antje Danielson: Was mich im Moment am meisten beschäftigt, ist nicht die Frage, ob die Fahrzeuge elektrische Antriebe bekommen. Das ist eine technische Entwicklung, die in jedem Fall kommt. Ich denke im Moment vor allem darüber nach, welche Infrastrukturen von heute wir morgen vielleicht gar nicht mehr nutzen können. Mit anderen Worten: Welche „stranded Assets“ werden wir haben? Denken Sie an U-Bahn-Systeme, in denen heute Milliarden von Dollar stecken. Die wird es künftig vielleicht so nicht mehr geben.

Dr. Antje Danielson  hat als Wissenschaftlerin in Harvard im Jahr 2000 Zipcar gegründet, das Unternehmen gilt heute als größter Carsharing-Anbieter der Welt. Danielson selber hat es aber in der Universität gehalten. Heute ist sie Director of Education der Energy Initiative des Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Warum nicht? Schienengebundener öffentlicher Verkehr, noch dazu mit Strom betrieben, sollte doch die Zukunft sein.

Gerade in den Küstenstädten sind diese Systeme aber gefährdet. In New York oder Boston werden wir einen Meeresspiegelanstieg von knapp einem Meter haben – und zwar vielleicht schon 2040. Das ist – gerade wenn man an die Investitionszyklen von Infrastruktur denkt – sehr wichtig zu berücksichtigen.

Ist der Anstieg schon heute zu bemerken?

In Boston hatten wir schon im vergangenen Frühjahr erhebliche Überschwemmungen. Der Wind drückte das Meer bis in die Stadt und im Hafenbezirk schwammen die Müllcontainer in den Straßen. Auch in New York ist das U-Bahn-System zuletzt immer öfter von Flutschäden betroffen gewesen, wie zum Beispiel während des Supersturms Sandy. Dazu kommt, dass die U-Bahnen in den großen Städten schon sehr alt sind – in New York über hundert Jahre – und enorme Kosten bei der Wartung verschlingen. Solche Städte denken jetzt sehr intensiv darüber nach, wie die Transportmöglichkeiten der Zukunft aussehen.

Im Video: Wie wird der Verkehr CO2-neutral, Frau Danielson?

Was sind die Alternativen, die Sie sich am MIT ansehen?

Kürzlich hat das Start-up „TranstX“ ein System mit kleinen Kabinen vorgestellt. Das ist öffentlicher Verkehr, aber eher so wie die Seilbahnen in den Alpen. Vier Personen sitzen in jeder Gondel, die an Kabeltrassen über den Straßen geführt werden. In Amerika verbinden riesige Highways die Suburbs mit den Innenstädten. Da könnte man diese Systeme in der Mitte der Highways und entlang von Straßen leicht integrieren. Nach den Plänen von TransitX würde der Aufbau dieser Systeme nicht mehr kosten, als heute der jährliche Unterhaltungsaufwand der alten U-Bahnsysteme.

Im Forschungsbereich unserer „Mobility of the Future“-Studie untersuchen wir die verschiedenen Kombinationen von Treibstoffen und Antrieben und welche Transportmittel in den nächsten drei Jahrzehnten an Bedeutung gewinnen könnten wie zum Beispiel elektrische und autonome Fahrzeuge. Wir nennen die letzteren „Robotaxis“. Es ist eine interdisziplinäre Studie, die Aspekte aus den Sozialwissenschaften und dem Ingenieurswesen vereint.

Allein in New York nutzen Millionen von Passagieren die U-Bahn. Sind kleine Gondeln und Robotaxis wirklich die Alternative für Großstädte?

Natürlich nicht nur. Auch in Amerika, vor allem an der West- und Ostküste, wird jetzt viel in „mixed-mode transport“ investiert. Das bedeutet auch neue Fahrradwege, das Fördern von Carsharing und die Installation von elektrischen Ladestationen. Arbeitgeber subventionieren Monatskarten und Krankenversicherungen haben Bikesharing-Programme. Das Ganze muss natürlich holistisch gesehen werden. Es gibt keine „silver Bullet“.

Wie sehr spielen Privatfahrzeuge in der Zukunft eine Rolle?

Privatfahrzeuge oder genauer gesagt Fahrzeuge, in denen nur ein oder zwei Personen sitzen, würden die Emissions-Frage nicht lösen. Die Effizienz ist einfach zu gering und es würde ja auch nichts gegen Staus helfen. Egal was man macht, man muss die vorhandenen Fahrzeuge viel besser auslasten.

„Die wahre Innovation liegt in einem sehr leicht zu nutzenden Mix an Mobilitätsoptionen.“

Dr. Antje Danielson, MIT

Ließe sich das mit autonomen Fahrzeugen lösen, die man zu jeder Zeit an jeden Ort rufen kann?

Das gute an solchen Fahrzeugen wäre – ähnlich wie bei Taxis und Carsharing – dass man sie den ganzen Tag nutzen kann. Aber das Verkehrsaufkommen ist zeitlich nicht gleichmäßig verteilt. Als Gesellschaft sind wir momentan weitgehend darauf angewiesen, dass viele Leute zur selben Zeit am selben Ort zusammenkommen. Wir haben einen enormen Peak, der jeweils am Beginn und Ende eines Tages liegt. Dann müssen alle zur Arbeit, aber auch zur Schule oder in den Kindergarten. Wir können diese Anfangszeiten ein bisschen flexibler gestalten und auch durch Homeoffice und Videokonferenzen entzerren.

Aber es liegt in der Natur unseres sozialen Wesens, dass wir von Angesicht zu Angesicht arbeiten wollen. Für diese Tagesspitzen müssen die Verkehrssysteme ausgelegt sein. Wenn man dazu auf kleine Fahrzeuge setzt, die nur mit einem oder zwei Personen besetzt sind, muss man eine riesige Flotte bereithalten. Darum sind solche Systeme keine ökologisch tragfähige Lösung – egal ob autonom, im Sharing oder privat.

Welche Vorteile hätten autonome Fahrzeuge dann überhaupt?

Grundsätzlich brauchen sie viel weniger Platz als privat genutzte Autos. Man bräuchte also viel weniger Parkplätze und das würde ein ganz neues Immobilien-Angebot in den Städten schaffen. Womöglich für Gebäude, aber auch für Radwege.

Die Zahl der Carsharing-Fahrzeuge und -Nutzer ist in Deutschland zunächst exponentiell angestiegen. Inzwischen deutet sich aber bereits eine Sättigung an, die Wachstumsraten gehen deutlich zurück, obwohl erst ein Bruchteil der Leute Carsharing nutzt. Ist der Hype schon vorbei?

Ja, der Hype ist vorbei. Ich glaube, Carsharing ist nur ein kleiner Teil im Mix der künftigen Mobilität.

Wo liegt dann der große Umbruch, der die Staaten zu CO2-freier Mobilität bringt?

Die wahre Innovation liegt darin, dass wir einen sehr leicht zu nutzenden Mix an Mobilitätsoptionen anbieten.

Wie soll das aussehen?

Nehmen Sie mich als Beispiel: Ich bin Mitglied bei Bluebike, einem Bikesharing-Anbieter in Boston. Ich bin Mitglied bei zipcar, dem Carsharer, den ich 2000 mitgegründet habe. Ich habe ein eigenes Auto. Ich bekomme von meinem Arbeitgeber eine kostenlose Monatskarte für die U-Bahn und ich nutze Uber – also fünf verschiedene Verkehrsangebote. Das große Geheimnis und natürlich die Herausforderung liegt darin, diese Transportträger miteinander zu verknüpfen. Nur das wird uns in Richtung einer CO2-freien Mobilität bringen.

Im Video: Wo braucht es noch Innovationen, Frau Danielson?

Das ist für den Einzelnen sehr schön: keine Einschränkungen, mehr Optionen. Aber wie bringt uns das bei den CO2-Emissionen weiter?

Geringere CO2-Emissionen ergeben sich daraus, dass die Elektrifizierung der Fahrzeuge andere Energieträger als Öl möglich macht und sie eine viel höhere Effizienz haben.

Und die Entwicklung dahin werden wir als Schritt-für-Schritt-Evolution erleben, die Mobilitätsrevolution fällt aus?

Ja, wir müssen bei dem ansetzen, was wir zur Verfügung haben. Wenn man alles vom Reisbrett weg neu planen könnte, würde man ein ganz anderes System entwerfen: Voll integriert, leichtere Materialien, höhere Effizienz. Und wir müssten immer wissen, wo die einzelnen Teilnehmer wann sind und was sie planen. Auf dieser Basis lassen sich dann laufend optimale Mobilitätsangebote machen. Die Herausforderung ist dabei natürlich auch, die Anonymität zu bewahren, sonst bewegen wir uns in die Richtung einer Orwellschen Gesellschaft.

Der gläserne Verkehrsteilnehmer.

Das ist ein Problem, das wir bisher besonders in Amerika nicht beachtet haben: Wir brauchen Datensicherheit und wir brauchen Standards für den Umgang mit diesen Daten. Das ist für mich persönlich auch erst durch den Datenskandal bei Facebook im Fall Cambridge-Analytica deutlich geworden. Diese Erkenntnis ist in Europa schon angekommen, sie setzt sich inzwischen aber auch in den USA durch.

Und woher kommt künftig die Energie für den elektrifizierten Verkehr?

Das bleibt spannend. Mit Erneuerbaren Energien alleine wird es sicher knapp. Ich sehe da eine neue Atom-Diskussion auf uns zukommen: Am MIT glauben wir, dass die Fusionsreaktoren in 30 Jahren technisch ausgereift sind. In die Stellarator-Technik fließt zurzeit sehr viel Geld. Und ich kann mir vorstellen, dass in 60 Jahren in jeder Stadt so eine Anlage steht.

STÄDTE. MOBILITÄT. DIGITALISIERUNG.

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