Energiewende international

Energie der Zukunft in Kasachstan. Und was hat die dena damit zu tun?

Kasachstan hat sich konkrete Ziele bei der Energieeffizienz gesetzt. Die Erfahrungen mit der Energiewende und hochwertige Technik machen Deutschland dabei zu einem gefragten Partner. Auf dem „German Energy Dialogue“ der dena am 11. und 12. Juli in Astana tauschten sich Vertreter beider Länder zu Fragen einer nachhaltigen Energiewirtschaft aus.

Auf 1.700 Quadratmetern die Energiewende hautnah erleben – doch der Ort mag überraschen: Astana, die Hauptstadt von Kasachstan. 4.500 Kilometer östlich von Berlin fand dort vom 10. Juni bis 10. September die EXPO 2017 unter dem Motto „Future Energy“ statt. Im Inneren des stark frequentierten deutschen Pavillons wurde klar: Diese Zukunft hat hier längst begonnen. Das erste Exponat, ein interaktives Modell des kasachischen Windparks Yerementau schlägt zugleich die Brücke zwischen Deutschland und Kasachstan. Zwei Autostunden nordöstlich des EXPO-Geländes stehen 22 Windräder für die 45 MW-Anlage, die 2015 ans Netz ging. Sie stammen vom deutschen Hersteller FWT aus dem Westerwald. Der kasachische Partner Samruk Energy will die Anlage mittelfristig auf 300 MW ausbauen.

Die EXPO 2017 in der kasachischen Hauptstadt Astana

Der German Energy Dialogue: Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) und in Zusammenarbeit mit dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft sowie der AHK Zentralasien organisierte die dena am 11. und 12. Juli 2017 in Astana den German Energy Dialogue. Die Veranstaltung stand unter der Schirmherrschaft des Ministeriums für Investitionen und Entwicklung der Republik Kasachstan und fand im Rahmen der EXPO 2017 statt.

Keineswegs sollte die EXPO nur ein wissenschaftlich-technischer Vergnügungspark sein. Kasachstan verspricht sich von dem Großereignis Langzeiteffekte für internationale Kooperationen, die seinen bereits 2013 beschlossenen Übergang zu einer „Grünen Wirtschaft“ vorantreiben sollen. Dazu bot der „German Energy Dialogue“ der dena die passende Gelegenheit. Auf der hochrangig besetzten Veranstaltung im Palast der Unabhängigkeit loteten deutsche und kasachische Vertreter aus Industrie, Politik und Gesellschaft mögliche Schnittstellen aus. „Den Dialog intensivieren, gemeinsame Ziele stärker herausstellen und ganz konkret auch Geschäfte machen“, formulierte Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung bei der dena, zu Beginn die Mission. Auf dem Programm standen zwölf Diskussionsplattformen, mehr als 70 Referenten aus beiden Ländern und der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Beim „German Energy Dialogue“ diskutierten Branchenvertreter und Politik nicht so sehr über das Ob, sondern das Wie einer Energiewende. Die Themen reichten von Smart-City-Konzepten bis hin zu Green Mobility, Capacity Development und Finanzierungsmodellen. Eine Botschaft, die dabei immer wieder anklang: Kasachstan könne vom deutschen Beispiel auch profitieren, ohne es nachzuahmen. Mit den Worten von Andreas Kuhlmann: „Nicht jeder, der Energiewende macht, muss sie machen wie wir.“

„Nicht jeder, der Energiewende macht, muss sie machen wie wir.“

Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung

Bei Grundfragen der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien herrschte auf dem Podium bis hin zum zwanglosen Austausch in den Pausen weitgehende Einigkeit. Rückendeckung gibt es auch aus der Politik: Präsident Nursultan Nasarbajew rief Anfang des Jahres in einer Rede an die Nation eine „dritte Modernisierung“ aus. Über allem steht der Anspruch des Landes, bis 2050 zu den 30 führenden Volkswirtschaften der Welt zu gehören. Zu diesem Zweck verabschiedete die Regierung bereits 2010 ein Programm zur forcierten industriell-innovativen Entwicklung, um die Diversifizierung und Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft zu erhöhen. Das Ziel? Den Energieverbrauch bis 2020 um 25 Prozent zu senken.

Warum das so dringlich ist, lässt sich bisweilen sogar mit bloßem Auge erkennen. Die Fernwärmeversorgung auf Kohlebasis wirke sich negativ auf die Umweltsituation in Almaty, der größten Stadt des Landes, aus, und auch in Astana sei gelegentlich Smog zu beobachten, so Sanschar Kettebekow, CEO der Stiftung Almaty Tech Garden und Referent beim „German Energy Dialogue“. Der Anteil erneuerbarer Energien soll deshalb von heute rund einem Prozent auf drei Prozent im Jahr 2020 sowie bis 2050 auf 50 Prozent steigen. „Drei Prozent bis 2020 – das klingt zunächst nicht viel, aber im postsowjetischen Raum ist das schon eine erhebliche Größenordnung“, meint Kettebekow.

25 %
weniger Energieverbrauch bis 2020
ist das Ziel der kasachischen Regierung.
Auf 50 %
soll der Anteil erneuerbarer Energien
in Kasachstan bis 2050 steigen.
Seit 2011
verpflichtet ein Gesetz
größere Unternehmen zu Energieeinsparung und Energieeffizienz.
2015
hat die dena zum ersten Mal
das Deutsch-Kasachische Energieforum organisiert.

Die Neuausrichtung der Energiepolitik ist nicht bloß ambitioniert, sondern zudem bemerkenswert. Seinen Bodenschätzen verdankt Kasachstan in der jüngeren Vergangenheit ein Wirtschaftswachstum, das speziell im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends rasant war. Nach Regierungsangaben gehören die Vorhaben an Öl, Kohle, Eisenerz, Uran, Bauxit, Molybdän, Chrom, Zink, Gold, Silber, Blei und Kupfer jeweils zu den 20 größten in der Welt. Die Ölförderung hat sich von 1992 bis 2015 ungefähr vervierfacht, die Gasförderung fast verdreifacht. Der Verkauf fossiler Brennstoffe generiere „mehr als 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts“, sagte Energieminister Kanat Bosumbajew beim „German Energy Dialogue“. Billig ist die Energie im Lande obendrein. Dennoch belässt es Kasachstan in Sachen Dekarbonisierung nicht bei Lippenbekenntnissen.

Der German Energy Dialogue

Wie sehr sich der größte Binnenstaat der Erde mit seinen gerade einmal 18 Millionen Einwohnern wandelt und voranschreitet, dafür ist Astana ein gutes Beispiel. Da, wo heute Wolkenkratzer in den Himmel ragen, wo ein Fußgängerboulevard von einem Ende der Innenstadt zum anderen reicht und kein Gebäude wie das andere aussieht, war vor ein, zwei Jahrzehnten noch nichts als Steppe.

„Die gute Zusammenarbeit bei den konventionellen Energien ist eine gute Basis, unsere Kooperation auch auf den Zukunftsfeldern des Energiebereichs zu entwickeln.“

Uwe Beckmeyer, Staatssekretär im BMWi

Dadurch entstehen auch neue Herausforderungen für den Umgang mit Energie. Der kasachische Parlamentsabgeordnete Albert Rau spricht davon, eine echte Entwicklung bei der Energieeffizienz habe erst 2010 eingesetzt, als konkrete Energiesparziele festgelegt wurden. Rau war als Vizeminister für Industrie und Neue Technologien, später für Investitionen und Entwicklung, verantwortlich für deren Umsetzung. Heute sagt er: „Alles, was wir in diesen sieben Jahren erreicht haben, verdanken wir der Hilfe Deutschlands und speziell der dena.“

Im Auftrag des Ministeriums für Industrie und Neue Technologien entwickelte die dena Empfehlungen und Strategien zur Durchführung von Energieaudits. Daraus entstand in Kasachstan 2011 das für größere Unternehmen verpflichtende Gesetz zu Energieeinsparung und Energieeffizienz. Die dena war auch an der Gründung eines Energieberatungszentrums beteiligt und begleitete Unternehmen bei der Umsetzung der Auflagen. Auch für das erste Deutsch-Kasachische Energieforum 2015 war die dena federführend, um Entscheidungsträger aus beiden Ländern besser zu vernetzen. Schon heute ist Kasachstan mit Abstand der größte Handelspartner Deutschlands in Zentralasien. Umgekehrt ist Kasachstan Deutschlands viertgrößter Öllieferant, wie Uwe Beckmeyer, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, beim „German Energy Dialogue“ betonte. Man könne sich auf ein „Kapital an Vertrauen“ stützen: „Die gute Zusammenarbeit bei den konventionellen Energien ist eine gute Basis, unsere Kooperation auch auf den Zukunftsfeldern des Energiebereichs zu entwickeln.“

Auf dem Fußgängerboulevard Nurschol im Zentrum Astanas stehen mannshohe Figuren der EXPO-Teilnehmerländer. Foto: Tino Künzel

Wie vielversprechend Kasachstan als Emerging Market ist, wissen etliche deutsche Unternehmen seit langem. Siemens etwa ist hier seit 1994 vertreten. Im Zuge der EXPO unterzeichnete der Konzern zuletzt ein Memorandum zur Zusammenarbeit mit der kasachischen Regierung, das sich auf die Produktion, den Transport und die Verteilung von Energie erstreckt. Für Siemens ist es nicht das erste Projekt dieser Art. Die in diesem Jahr abgeschlossene Modernisierung von Straßenbeleuchtung in Almaty ermöglichte Einsparungen an Energie- und Betriebskosten von fast 50 Prozent.

Auch bei der Umrüstung von Fernwärmestationen in Kasachstan führten energieeffiziente Pumpen zu Energieeinsparungen von bis zu 80-85 Prozent, so Carsten Krumm, Vorstandsmitglied des Pumpenherstellers Wilo und Referent beim „German Energy Dialogue“. Das Unternehmen ist bereits seit 18 Jahren in Kasachstan aktiv. Stefan Hoffmann, Leiter der Viessmann Akademie, machte im Bereich der Heiztechnik ähnliche Erfahrungen. Da würden teils Effizienzsprünge erreicht, „wie man sie bei uns zu Hause gar nicht mehr kennt“.

In der grünen Zukunft Kasachstan soll auf dem Gelände der Weltausstellung später ein internationales Zentrum für grüne Technologien entstehen. Mit dem Rückenwind des „German Energy Dialogue“ wird auch die dena ihre Aktivitäten im Lande weiterführen und sich mit der Initiative EnergieEffizienz Kasachstan für das neue Denken in der Energiepolitik einsetzen. Eine nationale Informations- und Motivationskampagne zur Energieeffizienz ist in Abstimmung mit dem Ministerium für Investitionen und Entwicklung in Vorbereitung.

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