Im Interview: Christoph Frei

“Elektrizität ist das neue Öl”

Der Weltenergierat (World Energy Council, WEC) hat vor Kurzem seinen jährlichen „World Energy Issues Monitor“ veröffentlicht. Der Bericht identifiziert Stressfaktoren, die die globale Energiewende beeinflussen. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um mit dem Generalsekretär des WEC, Christoph Frei, über die Themen zu sprechen, die uns bei der Transformation des Energiesystems am wichtigsten sind.

Christoph Frei, Secretary General & CEO des World Energy Council, als Laudator des SET Awards 2018 im April

Was sind die zentralen Ergebnisse des diesjährigen World Energy Issues Monitor?

Eines der wichtigsten Themen, die Entscheider aus Energiewirtschaft und -politik aus aller Welt antreibt, ist Innovation. Da erneuerbaren Energien auf globaler Ebene immer bedeutender werden, besteht in diesem Bereich großer Handlungsbedarf. Innovation hat zunehmenden Einfluss auf die Energiewirtschaft, wird aber auch mit größerer Unsicherheit wahrgenommen. Mit wachsenden Prosumer-Märkten und der Digitalisierung des Energiesystems sind Innovationen der Schlüssel zur Lösung zukünftiger Herausforderungen der globalen Energiewende. Auch die Digitalisierung spielt dabei eine wichtige Rolle, da sie Energiesysteme flexibler und anpassungsfähiger an den technologischen Wandel machen kann. Aufgrund der großen Unsicherheit beim Thema Innovation haben wir dem Issues-Monitor neue Themen hinzugefügt, zum Beispiel Internet der Dinge und Blockchain.In Europa besteht bei den erneuerbaren Energien der größte Handlungsbedarf, da ihr Potenzial, fossile Brennstoffe zu ersetzen, den Leuten immer bewusster wird.  Energieeffizienz und Erneuerbare Energieträger werden von vielen als die bessere Lösung gesehen, daher hat auch die Atomenergie an Bedeutung verloren. In jüngster Zeit gibt es weniger Unklarheit, wenn es um die Speicherung elektrischer Energie geht. Dem Thema wird auch mehr Bedeutung zugemessen, da es für den Einsatz der erneuerbaren Energien wichtig ist – aber auch für die Elektrifizierung des Verkehrs und des Wärmesektors.

Wenn es um die Energiewende geht, ist die Elektrifizierung in aller Munde. Wie weit kommen wir tatsächlich damit?

Es ist absolut klar, dass Elektrizität das „neue Öl“ ist. Mit diesem Energieträger geht es nur in eine Richtung, während andere wie Kohle oder Gas ihren Höhepunkt erreichen, versiegen oder stagnieren. Durch die Elektrifizierung steigt die Nachfrage nach Strom, bis 2060 wird sie sich verdoppeln.

Die Frage ist: Kann sie sogar noch schneller sein? Die Beschleunigung, die wir in den letzten Jahren in vielen Ländern im Verkehrsbereich erlebt haben, ist dramatisch. Aber wenn es um industrielle Wärme geht, sehe ich diese Entwicklung nicht. Daher bräuchten wir in diesem Bereich mehr innovative Lösungen.
Es ist aber auch etwas komplett anderes, die Wärmeversorgung zu elektrifizieren. Wenn Sie den Verkehr elektrifizieren, erhöhen Sie den Strombedarf um fünf bis zehn Prozent. Wenn Sie die Wärmeversorgung elektrifizieren, fügen Sie dem bereits bestehenden Bedarf ein weiteres Stromsystem hinzu.

Was ist mit dem Strombedarf, den die Elektrifizierung nicht abdeckt? Könnten uns synthetische Kraftstoffe auf Basis erneuerbarer Energien helfen?

Das kann man nicht eindeutig sagen. Jede intelligente Energiewende wird so viel wie möglich von der bestehenden Infrastruktur nutzen wollen.
Power-to-X (PtX) ist für alle interessant, denen diese Infrastrukturen gehören – einschließlich Öl- und Gasunternehmen, weil sie damit Geld verdienen können. Also gibt es definitiv Treiber  dafür.
Wenn wir die erneuerbaren Energien im großen Maße ausbauen, stellt sich die Frage, wie wir mit den Schwankungen umgehen. Viele denken: Nutzen wir doch den überschüssigen erneuerbarer Strom, um die PtX-Infrastruktur zu betreiben. Das würde bedeuten, die PtX-Infrastruktur auf einem sehr niedrigen Level zu betreiben – das lohnt sich nicht.
Hier sind noch einige Fragen ungelöst: Wie groß wäre der Nutzen? Gibt es wirklich so viel erneuerbare Energie, die für PtX genutzt werden kann? Und werden die Infrastrukturbetreiber tatsächlich ein rentables Geschäftsmodell darin sehen? Power-to-X wird ja auch nicht umsonst sein.

Der World Energy Issues Monitor 2018 zeigt, welche Schlüsselfragen Entscheidern aus der internationalen Energiewirtschaft und -politik für die Zukunft der globalen Energiewende wichtig sind.

Welche Chancen sehen Sie für eine effektive CO2-Bepreisung?

Das größte Gift für jemanden, der langfristig investiert, ist Unsicherheit. Das ist der Grund, warum die Mehrheit der Entscheider aus der Energiebranche, die wir für unseren neuesten World Energy Issues Monitor befragt haben, Klarheit haben will – ein klares internationales Signal. Wenn sie selbst entscheiden könnten, hätten wir heute schon einen CO2-Preis. Wir hätten schon längst einen klaren Weg festgelegt zu einem CO2-Preis, der vertrauenswürdig und stabil ist, und den Entscheidern ein wenig Zeit für den Übergang gibt, fünf Jahre vielleicht. Sobald man Klarheit über etwas hat, kann man neue Technologien planen und Schritt für Schritt einführen. Besteht keine Klarheit, weiß man auch nicht, was man tun soll. Paris war ein gutes Signal – aber die Situation, die wir heute haben, ist immer noch ein Flickwerk.

Der Begriff „Energiewende“ ist heute weit verbreitet. Aber auf der ganzen Welt gibt es verschiedene Ansätze dafür. Was bedeutet das für Investoren?

Wenn es um die Energiewende geht, gibt es drei grundlegende Faktoren: Energiesicherheit, Energiegerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit. Diese drei Ziele bilden ein „Trilemma" und wir müssen jederzeit das Gleichgewicht zwischen ihnen halten. Das ist wichtig, weil Energie ein politisches Thema ist. In jedem politischen oder technischen Kontext haben Sie auch drei grundlegende Entscheidungsträger: Industrie, Haushalte und Umwelt-NGOs. Wenn Sie einen von ihnen dauerhaft vernachlässigen, stehen Sie am Ende mit einer neuen Regierung da. Das nennt man politisches Risiko.
Investoren werden nicht in Länder mit politischen Risiken investieren. Wir haben viele Länder gesehen, die diese Dimensionen vernachlässigt haben. Die mussten sehr hart dafür arbeiten, das Steuer wieder rumzureißen. In Afrika und Südamerika zum Beispiel, ging es um Energiegerechtigkeit.   Strom sollte extrem billig sein, sodass er für alle zugänglich ist. So billig, dass es sich die Unternehmen nicht mehr leisten konnten, für stabile Netze zu sorgen. In der Folge gab es viele Blackouts und am Ende eine riesige Regierungskrise. Und wenn sich alles nur um Sicherheit dreht, wird es so teuer, dass man es sich nicht mehr leisten kann. Wir raten Unternehmen deshalb immer, auf diese drei Faktoren zu achten.

Wie sehen andere Länder die deutsche Energiewende?

Das erste, was die Länder über Deutschland sagen, ist: „Wir könnten es uns nicht leisten, was Deutschland gemacht hat". Sie fragen sich auch, ob die Energiewende das deutsche System wirklich verändert hat. Nein, hat es nicht! Aber wir sind auch noch nicht am Ende des Tages angelangt. Wir sollten etwas geduldiger sein. Veränderung braucht Zeit. Das größte Versagen, das von außen gesehen wird, ist das Fehlen eines CO2-Preises. Aber es ist auch klar, dass Deutschland den nicht alleine umsetzen kann.
Jetzt muss Deutschland einen regulatorischen Rahmen entwickeln und umsetzen. Die Leute sind sehr gespannt darauf, wie Deutschland das machen wird. Denn als eines von wenigen Ländern gilt Deutschland als Labor  der unbegrenzten Möglichkeiten für regulatorische und technologische Innovationen.

Der Weltenergierat ist Partner unserer Initiative „Start Up Energy Transition“ (SET). Sie baut ein Netzwerk junger Unternehmen auf, die gegen den Klimawandel kämpfen. Wie war Ihre Erfahrung mit der Initiative und was könnte ein nächster Schritt sein?

Die SET-Initiative hat die Menschen wachgerüttelt. Innovation ist das Herz jedes Wandels, deshalb wollen die Leute auch was davon mitbekommen. Die jungen Unternehmer erzählen gern ihre Geschichten, und alle lernen gern daraus.
Aber nicht jedes Land kann so einfach auf solche Geschichten zugreifen und nicht alle Innovatoren haben leichten Zugang zu solchen Netzwerken.
Ein wichtiger Schritt wäre daher jetzt, diese Geschichten aus den Ländern zu sammeln und zur Verfügung zu stellen. So helfen sie auch den Innovatoren, Zugang zu diesen Ländern zu bekommen. Wir sollten die Geschichten dann systematisieren und ein bisschen wie Reiseführer für diese Innovatoren werden.