SERIELLES SANIEREN

Einfach revolutionär

Industriell vorgefertigte Fassaden und Dächer in der energetischen Sanierung: Das von Energiesprong in den Niederlanden entwickelte Konzept macht europaweit Furore. Die dena hat nun erste Projekte in Deutschland auf den Weg gebracht.

Das Haus von Astrid Andre war eines der ersten, das in den Niederlanden nach dem Energiesprong-Konzept saniert wurde. Foto: Jurrian Photography

Nach drei Wochen war alles fertig: eine neue Fassade, neue Fenster, die Solaranlage auf dem Dach und im Garten das kleine Kraftwerk, das das Reihenhaus von Astrid Andre nun das ganze Jahr über mit Heizwärme und Heißwasser versorgt. Die Mehrkosten für die Mieterin: null Euro. Ihr Zustand: glücklich.
Astrid Andre wohnt im niederländischen Heerhugowaard, 25 Kilometer nördlich von Amsterdam. Ihr Haus war 2014 eines der ersten von inzwischen rund 4.500 Gebäuden, die in den Niederlanden nach dem Energiesprong-Konzept saniert wurden. Ein Sanierungskonzept, das derzeit europaweit Furore macht und zuletzt auch den renommierten David Gottfried Global Green Building Entrepreneurship Award erhalten hat.
Der Ansatz ist revolutionär. Während in Europa die Baukosten steigen, Unternehmen kaum noch Facharbeiter finden und Zeitpläne überzogen werden, verspricht Energiesprong, es besser, billiger und schneller zu machen.
„In Europa müssen pro Jahr vier Millionen Wohnungen aufgrund anstehender Wartungs- oder Modernisierungsarbeiten saniert werden. Für einen großen Teil dieses Bestands ist das Konzept eine Lösung“, sagt Jasper van den Munckhof, Gründungsdirektor von Energiesprong. Er und sein Team setzen dabei auf Standardisierung, digitale Vermessung der Häuser und die Vorfertigung von ganzen Fassaden. Also auf das Gegenteil der traditionellen, teilweise sehr kleinteiligen Handarbeit auf der Baustelle.
Die niederländische Regierung hat Energiesprong gefördert – als neutrales Marktentwicklungsteam ohne Gewinnabsichten, das die Wohnungs- und Bauwirtschaft zusammenbringt. Inzwischen gibt es Ableger in ganz Europa. In Deutschland koordiniert die dena die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) unterstützte Initiative. Denn was van den Munckhof verspricht, wäre für die gesamte Gebäudewirtschaft ein Riesenschritt: „schnelle, erschwingliche und qualitativ hochwertige Null-Energie-Sanierungen“.

Und tatsächlich: In den Niederlanden klappt das

Die Ingenieure in der Baugesellschaft des Wohnungsunternehmens BAM erstellen aus Luftbildern 360°-Aufnahmen am Boden und aus den Daten eines Laserscanners 3-D-Karten. So werden ganze Häuserzeilen bis auf eine Genauigkeit von wenigen Millimetern erfasst. Auf Basis dieser Daten produziert die BAM Fassaden, Dächer und Energieeinheiten in der Fabrik. „Fassaden und Dächer werden wie eine neue Außenhaut über die alte Hülle des Hauses gelegt und mit speziellen Verankerungen befestigt“, erklärt Tom Jongen, verantwortlich für innovative Sanierungskonzepte bei BAM in Nieuwegein bei Utrecht. Die Elemente werden in der Fabrik montiert und getestet, das eigentliche Anbringen am Haus nimmt im besten Falle nur noch zwei Stunden in Anspruch. Dann werden bei Fassaden, Dach und Energiezentrale im Garten die Lüftungs-, Wasser- und Stromleitungen verbunden – und fertig ist das Null-Energie-Haus. Die neuen Hüllen können ganz nach den ästhetischen Vorgaben der Architekten gestaltet werden. Inzwischen haben sich 80 niederländische Unternehmen im Arbeitskreis Stroomversnelling („Stromschnelle“) vernetzt. Allein die BAM hat schon über 4.000 Fassaden- und Dachelemente verbaut.

Astrid Andre ist sehr zufrieden mit ihrem „neuen“ Haus. Foto: Jurrian Photography

„Ich bin sehr zufrieden mit dem ‚neuen‘ Haus“, sagt Astrid Andre in Heerhugowaard. Das ist kein Zufall, denn die Zufriedenheit der Mieter ist ein wichtiger Bestandteil des Sanierungskonzepts: Die BAM hat ihre Mieter von Anfang an intensiv informiert und ihnen mit einer rechtsverbindlichen Preisgarantie für die Warmmiete alle Ängste genommen. Astrid Andre konnte während der Umbauzeit sogar in ihrem Haus wohnen bleiben. Jetzt zählt für sie als Mieterin, dass bei dem 60er-Jahre-Haus der Wind nicht mehr durch die Ritzen pfeift, die Räume auch im Winter gemütlich warm sind, dass sie klimaneutral wohnt. Und: dass die Warmmiete weiter bei 770 Euro monatlich liegt – wie vor der Sanierung.
Warmmietenneutrale energetische Sanierung und Null-Emissions-Haus? Da winken in Deutschland die meisten Fachleute ab. „Geht nicht.“ Die Probleme sind bekannt: Energetische Sanierungen dauern oft ein halbes Jahr und mehr, sie machen viel Lärm und Schmutz und sind in der Praxis oft mit erheblichen Mietsteigerungen verbunden. Gleichzeitig fällt es den Hauseigentümern zunehmend schwer, fachlich versierte Handwerker zu finden. Und auch finanziell lohnt sich die Sanierung für die Vermieter kaum. Eine Lose-lose-Situation für Mieter, Vermieter und den Klimaschutz. 

Bei Energiesprong ist alles anders

Das Energiesprong-Konzept setzt auf Standardisierung, digitale Vermessung der Häuser und die Vorfertigung von ganzen Fassaden. Ziel ist es, schnelle, erschwingliche und qualitativ hochwertige Null-Energie-Sanierungen zu gewährleisten. Foto: Jurrian Photography

Technisch gesehen ist auf den ersten Blick nichts von dem, was bei Mieterin Astrid Andre verbaut wurde, besonders innovativ: „Wir haben Dämmung und Energieversorgung mit Blick auf die Kosten als Gesamtsystem optimiert“, sagt Tom Jongen. Ein saniertes Einfamilienhaus mit 100 Quadratmetern verbraucht pro Jahr 5.500 kwH, davon 2.500 kwH als Strom für Haushaltsgeräte und 3.000 kwH für die Wärmepumpe, die heißes Wasser für Heizung, Dusche, Bad und Küche produziert. Die Solarpanele auf dem Dach erzeugen rund 6.000 bis 7.000 kWh pro Jahr und decken so bilanziell den Energiebedarf. „Und durch die Optimierungen in der industriellen Vorfertigung, Standardisierungen und die laufenden Verbesserungen sinken die Kosten immer weiter“, sagt Jongen. „Die industrielle Fertigung rechnet sich für uns, sobald wir 500 bis 600 Häuser pro Jahr sanieren. Und das werden wir spätestens in zwei Jahren erreichen.“ Die heute produzierten Fassaden seien bereits 30 bis 40 Prozent billiger als am Anfang, weil in der Fabrik inzwischen ein Roboter statt eines Maurers die Klinkerelemente aufbringt.

Die Potenziale in Deutschland liegen auf der Hand

„Durch Vorfertigung schaffen wir einen Quantensprung bei Qualität, Sanierungsdauer und den Kosten.“

Uwe Bigalke, dena-Teamleiter Energiesprong in Deutschland

„Durch Vorfertigung schaffen wir einen Quantensprung bei Qualität, Sanierungsdauer und den Kosten“, ist Uwe Bigalke, Leiter des Teams Energiesprong in Deutschland bei der dena, darum überzeugt. Dabei bieten sich in Deutschland vor allem rund 500.000 Gebäude aus den 50er, 60er und 70er Jahren für die serielle Sanierung an. Hier finden die Baufirmen meist einfache,  glatte Fassaden und simple Dachkonstruktionen vor, sodass die Sanierung auch optisch zu einer deutlichen Aufwertung führt. Und da der Energieverbrauch hier typischerweise über 130 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter (kWh/a·m2) liegt, sind auch die eingesparten Energiekosten erheblich. Denn nach der Sanierung sollte der Bedarf dann nur noch bei 30 bis 40 Kilowattstunden liegen.
Doch um billiger zu werden als der herkömmliche Sanierungsansatz, müsse man erst mal „eine gewisse Zahl von Sanierungen erreichen“, dämpft Bigalke die Euphorie. Und er verschweigt auch nicht, dass es noch offene rechtliche Fragen gibt: In den Niederlanden laufen die Stromzähler vorwärts, wenn die Mieter Energie aus dem Netz beziehen. Und rückwärts, wenn die Solaranlagen Strom einspeisen. Am Ende des Jahres stehen sie dann meist auf null. Eine einfache Lösung, die in Deutschland aber rechtlich nicht machbar ist. Ein weiteres Problem ist das Engagement des Hauseigentümers als Energieproduzent. Denn dabei können Wohnungsunternehmen leicht ihr „Gewerbesteuerprivileg“ verlieren. Rechtliche Konstruktionen über Dienstleister sind zwar möglich, erhöhen aber die Kosten.
Und dennoch liegen die Potenziale auf der Hand: Ein Sanierungskonzept wie Energiesprong kann die Sanierungsquote, die derzeit bei knapp ein Prozent liegt, ankurbeln: Wenn Sanierungen mittels vorgefertigter Produktion künftig nur noch wenige Wochen anstatt mehrere Monate und Jahre brauchen, beschleunigt das die Wärmewende. Aber nicht nur das: Diese neue Form der Sanierung fördert die Innovationskraft im Baugewerbe und der zuliefernden Industrie – es entstehen attraktive Arbeitsplätze. Und nicht zuletzt kann, die fest im Konzept von Energiesprong verankerte warmmietenneutrale Umsetzung, zu einer Win-win-Situation für alle führen.
In Deutschland plant die dena deshalb zusammen mit der Bau- und Immobilienwirtschaft nun erste Projekte. Denn die Erfolge in den Niederlanden sind beeindruckend: Während die Sanierungskosten bei den ersten Einfamilienhäusern noch bei 100.000 Euro pro Haus lagen, ist der Betrag einfach durch die hinzugewonnene Erfahrung inzwischen auf 65.000 Euro gesunken. Und als Richtwert für die Bauarbeiten am Gebäude gelten inzwischen nur noch zwei Wochen.
Das hat sich auch bis nach Frankreich herumgesprochen. Die dortigen Wohnungsunternehmen sagen Bigalke inzwischen: „Etwas Besseres gibt es eigentlich nicht. Wer das nicht macht, ist verrückt!“

Serielles Sanieren „made in Germany“

Mieterin Astrid Andre entstanden durch die Sanierung keine Mehrkosten. Foto: Jurrian Photography

In Deutschland sollen mithilfe der dena erste Gebäude seriell saniert werden. Anstelle von Einfamilien-Reihenhäusern wie in den Niederlanden geht es dabei aber um die hierzulande wichtige Gruppe von größeren Mietshäusern.
In Hannover hat die Baugenossenschaft Oberricklingen eG. vier mehrstöckige Mietshäuser mit insgesamt 25 Wohnungen und einer Nutzfläche von 1.503 Quadratmetern als mögliche Prototypen ausgesucht. Die unsanierten Gebäude sollen mit neuen Fassadenelementen vor den alten Mauern ausgerüstet werden. Auf dem Dach sollen die alten Ziegel abgetragen und durch eine Sandwichkonstruktion ersetzt werden, auf der die Photovoltaikanlage montiert wird. Eine Wärmepumpe soll das Heizungswasser erzeugen, das weiter über die Heizkörper der alten Gasetagenheizungen verteilt wird. Damit die Leistung der Wärmepumpe ausreicht, muss das Haus mit Dreifachverglasung und Kellerdeckendämmung gut isoliert sein. Die bei allen energetisch hochwertigen Gebäuden notwendige kontrollierte Belüftung kann in den Fassadenelementen verlegt werden.
In Bochum plant die VBW Bauen und Wohnen in einem zweiten Projekt, sechs Häuser mit insgesamt 48 Wohnungen seriell zu sanieren. Hier wird der Net-Zero-Standard für eine Fläche von 3.226 Quadratmetern angepeilt. Wie in Hannover sollen die Arbeiten mit einer langjährigen Perfomancegarantie verbunden werden und 2020 abgeschlossen sein.

Energiesprong Innovation Route

Die Marktentwicklung für neue Sanierungskonzepte nach dem Energiesprong-Prinzip hat in Deutschland begonnen: Unter dem Dach der dena kommen Wohnungsunternehmen, die Prototypen sanieren wollen, sowie Generalübernehmer und Zulieferer der einzelnen Komponenten für Fassade, Dach, Photovoltaik, Haustechnik oder Monitoring zusammen. Die dena unterstützt die Partner bei der Konzeptentwicklung.
Bei einem sogenannten „Innovation Day“ können sich die Experten intensiv zu Fragen rund um die Gebäudehülle, Technikmodule und andere Herausforderungen austauschen. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch die Vernetzung mit Bau- und Wohnungsunternehmen aus Frankreich. Im Januar 2019 ist außerdem eine Exkursion zu Energiesprong-Baustellen und Lösungsanbietern in die Niederlande geplant.
Im Februar 2019 werden die Energiesprong-Konzepte dann vor rund 150 Gästen aus Wohnungs- und Bauwirtschaft sowie politischen Entscheidern präsentiert. Die Wohnungsunternehmen, bei denen Prototypsanierungen anstehen, können dort die für sie passenden Lösungen auswählen. Alle anderen Teilnehmer erhalten einen Überblick, wie Energiesprong-Lösungen umgesetzt werden können und welche Innovationstreiber derzeit am Markt aktiv sind.

transition 2019

Das Thema urbane Energiewende steht im Fokus der neuen Ausgabe des dena-Unternehmensmagazins „transition“. In Reportagen, Interviews, Grafiken und Analysen beleuchtet das Magazin den Fortschritt der integrierten Energiewende, stellt interessante Menschen und Ideen vor und liefert Geschichten, Zahlen und Fakten zur dena und ihren Projekten. Zur Onlineausgabe

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