Die Bundestagsfraktionen zur Energiewende

Drei Fragen an: Dr. Julia Verlinden, Bündnis 90/Die Grünen

dena: Welche drei Themen würden Sie als erstes auf die Tagesordnung setzen, um Energiewende und Klimaschutz in der nächsten Legislaturperiode voranzubringen und warum?

Dr. Julia Verlinden: In der nächsten Legislaturperiode müssen wir unbedingt den Einstieg in den Kohleausstieg beginnen, die Grundlagen für die Verkehrswende legen und endlich die Energetische Gebäudesanierung voranbringen.

  1. Der Einstieg in den Kohleaussteig löst einige Probleme, die wir bei der Umsetzung von Klimaschutz und Energiewende haben. Durch die Abschaltung von Meilern wird schlagartig der CO2-Ausstoß gesenkt, es wird Platz gemacht für Ökostrom in den Netzen und der Börsenstrompreis steigt, wodurch die EEG-Umlage sinkt. Flankierend wollen wir 3 Milliarden CO2 Zertifikate aus dem europäischen Markt nehmen.
  2. Im Verkehrssektor passiert seit Jahren so gut wie gar nichts. Die CO2-Emissionen sind in den letzten Jahren sogar gestiegen. In der nächsten Legislaturperiode müssen wir endlich den Umstieg auf emissionsfreie Antriebe einleiten, aber auch unsere ganze Sicht auf den Verkehr verändern. Mobilität muss neu gedacht werden, mit einer intelligenten Verzahnung von öffentlichem Personenverkehr, motorisiertem Individualverkehr und nicht-motorisiertem Individualverkehr.
  3. Der Wärmesektor ist immer noch der Bereich mit dem höchsten Energieverbrauch in Deutschland. Ohne die Dekarbonisierung des Gebäudesektors sind die Pariser Klimaziele nicht erreichbar. Es reicht aber nicht aus einfach nur von fossilen Brennstoffen auf Erneuerbare Energien zu wechseln. Wir müssen endlich dafür sorgen, dass die Sanierungsquote steigt und Häuser, die angefasst werden auch ausreichend umfangreich saniert werden.

„Mir ist wichtig, dass es nicht nur um technische Innovationen geht, sondern dass uns auch soziale Innovationen – wie neue Modelle des Teilens und der gemeinsamen Nutzung von Gütern – voranbringen.“

Dr. Julia Verlinden, MdB und Sprecherin für Energiepolitik der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

dena: Welche Maßnahmen würden Sie vorschlagen, um die Sektoren Strom, Gebäude, Verkehr und Industrie in einem intelligenten Energiesystem zusammenzubringen?

Dr. Julia Verlinden: Hier sind Maßnahmen sowohl auf der technischen Ebene als auch auf der politischen Ebene notwendig. Zum Beispiel helfen variable Stromtarife, die Sektorenkopplung voran zu bringen, damit wir z.B. volatile Erneuerbare mit Lastmanagement besser verknüpfen können. Als technische Voraussetzungen dafür ist ein Ausbau der Smart Meter notwendig – und zwar dort, wo intelligente Messsysteme auch wirklich einen Mehrwert für die Energiewende bringen. Eine Zwangsbeglückung mit Smart Metern für Privathaushalte lehnen wir ab.

Auf der anderen Seite ist es extrem wichtig, dass Preise die ökologische Wahrheit sagen. Es darf nicht sein, dass Heizöl am CO2-Gehalt gemessen geringer besteuert wird als Erdgas. Für eine funktionierende Sektorenkopplung brauchen wir eine neue ökologische Finanzreform, wo diese Missstände beseitigt werden. Bei konsequenter CO2-Bepreisung wird Ökostrom von selbst eine interessante Option für den Wärme- und den Mobilitätssektor.

dena: Welche Energieinnovation halten Sie für besonders Erfolg versprechend?

Dr. Julia Verlinden: Wir brauchen Innovationen in allen Bereichen und es gibt zum Glück sehr viele Menschen, die mit ihren guten Ideen die Energiewende voranbringen. Wir haben als Grüne Bundestagsfraktion Anfang des Jahres ein Fachgespräch zu Innovationen bei der Energiewende veranstaltet. Dabei wurden zum Beispiel Blockchain-Anwendungen, Schwarmspeicher oder fischschonende Miniwasserkraftwerke vorgestellt. Genau solche Innovationen brauchen wir, um die Energiewende voranzubringen und diese Start-ups müssen gefördert werden. Mir ist wichtig, dass es nicht nur um technische Innovationen geht, sondern dass uns auch soziale Innovationen – wie neue Modelle des Teilens und der gemeinsamen Nutzung von Gütern – voranbringen.