„Die Potenziale sind riesig“

Noch Nischenprodukt oder schon Mainstream? Grüne Standards für den Bau und die Instandhaltung von Wohngebäuden und kommunalen Liegenschaften gewinnen in Belarus, Kasachstan, Russland und der Ukraine an Bedeutung. Für deutsche Bauunternehmen und Energiedienstleister eine Chance, dort aktiv zu werden.

Moderne Wohnanlage in der Region Moskau Foto: shutterstock.com/Ranglen

In Russland gelten seit diesem Jahr erstmals Auflagen für die Energieeffizienz von Gebäuden. Neugebaute Mehrfamilienhäuser müssen mit Wärmeübergabestationen ausgestattet sein, die eine Steuerung der Abgabe von Fernwärme in Abhängigkeit von der Außentemperatur erlauben. Dasselbe gilt für kommunale Gebäude, allerdings nicht nur bei Neubau, sondern auch bei Sanierung und Rekonstruktion. Außerdem müssen die Heizkörper in solchen Gebäuden mit Thermostaten ausgerüstet werden.

Energiesparen wird in Russland kaum öffentlich thematisiert

Wohngebiet "Nowaja Trjochgorka" bei Odinzowo im Moskauer Umland. Foto: Tino Kuenzel

Für Russland ist das besonders aktuell. Wohn- und sonstige Räumlichkeiten sowjetischer Bauart sind in der Regel überheizt, die Regulierung der Raumtemperatur findet mangels anderer Möglichkeiten durch Öffnen und Schließen der Fenster statt. „Die Straße beheizen“, nennt das der Volksmund. Während eine individuelle Messung durch Strom- und Wasserverbrauchszähler bereits gang und gäbe ist, sind Heizkostenverteiler unter diesen Umständen noch unbekannt.

Bereits seit 2016 muss in Russland die Energieeffizienzklasse neuer oder sanierter Wohngebäude an der Fassade ausgewiesen werden. Mit einer „Road Map“ zur Steigerung der Energieeffizienz hat die russische Regierung vor zwei Jahren das Ziel ausgegeben, dass der Anteil von Häusern der höchsten Energieeffizienzklasse bis 2020 bei 20 und bis 2025 bei 30 Prozent liegen solle. Der Jahresverbrauch an Wärme- und Elektroenergie von Wohn- und kommunalen Gebäuden soll demnach bis 2020 um 15 und bis 2025 um 25 Prozent gesenkt werden.

Länderübergreifende Dialogplattform schafft Bewusstsein für Energieeffizienz

Bereits seit 2016 muss in Russland die Energieeffizienzklasse neuer oder sanierter Wohngebäude an der Fassade ausgewiesen werden. Foto: Tino Kuenzel

Insgesamt ist Energiesparen einstweilen jedoch wenig „trendy“, wird auch durch die vergleichsweise niedrigen Tarife als wenig relevant wahrgenommen und kaum öffentlich thematisiert.

Dies ist einer der entscheidenden Ansatzpunkte für die länderübergreifende Dialogplattform „Urbane Energieinfrastruktur in Osteuropa und Zentralasien“: Sie ermöglicht den Austausch zwischen deutschen Unternehmen und Umsetzungspartnern vor Ort über Chancen und Herausforderungen, sich an der Modernisierung des Wohn- und kommunalen Sektors zu beteiligen. Neben Russland ist die Plattform auch in Belarus, Kasachstan und der Ukraine aktiv. Ziel des länderübergreifenden Dialogs ist es, Erfahrungen und Wissen zu teilen sowie Kooperationen anzustoßen. Teilnehmen können Unternehmen aus den Bereichen Energiesysteme und -dienstleistungen sowie Bau, die einen Markteintritt planen oder bereits in den Zielmärkten aktiv sind.

Deutsche Produkte kommen in der Ukraine gut an

Aufgrund von Schulden bei den Kommunalbetrieben in der Ukraine blieben viele Heizkörper im Winter kalt. Foto: shutterstock.com/Andrey Orekhov

In der Ukraine ist das Thema Energieeffizienz mittlerweile in der Bevölkerung angekommen. Seit 2014 vergibt der Staat sogenannte „warme Kredite“ zum Kauf von Produkten, die einer höheren Energieeffizienz von Ein- und Mehrfamilienhäusern dienen. 20 bis 35 Prozent der Kosten werden zurückerstattet. Im laufenden Jahr stellte Kiew insgesamt zwei Milliarden Griwna (rund 62 Millionen Euro) für Programme zur Steigerung der Energieeffektivität zur Verfügung. Die Popularität dieser Fördermaßnahmen erklärt sich vor allem aus Sparzwängen: Die Gastarife für die Bevölkerung sind inzwischen mehr als dreimal so hoch wie in Russland und nahezu halb so hoch wie in Deutschland. „Durch die Vielzahl an Förderprogrammen läuft der Wohnungsmarkt und deutsche Produkte kommen gut an“, so dena-Teamleiterin Dr. Anja Sivakova-Kolb, deren Team seit Jahren in Osteuropa aktiv ist. „Besonders gefragt sind Dämmungen, Fenster, Wärmepumpen, Heizungsrohre und -kessel sowie Lüftungssysteme mit Wärmerückgewinnung.“

Eine Straße in Kobryn, Belarus Foto: shutterstock.com/Shevchenko Andrey

In Belarus hingegen gibt es bislang keine Förderprogramme zur Sanierung von Wohnungen für private Eigentümer, der Effizienzmarkt ist daher im Vergleich zur Ukraine noch sehr klein. „Kommendes Jahr werden aber neue gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen, darunter ein Förderprogramm für Gebäudedämmung. Daher erwarten wir hier demnächst eine wachsende Nachfrage“, so Sivakova-Kolb. Mit Unterstützung von EBWE und Weltbank sollen in den nächsten zehn Jahren 30 Millionen Quadratmeter Wohnraum besser gedämmt werden.

Themen wie Energiesicherheit und -einsparung gelten in Belarus auch zunehmend als Fragen der nationalen Souveränität. Denn das Land verfügt nur über wenig einheimische Energieträger.

Wirtschaft und Kommunen in Kasachstan benötigen Effizienzinstrumente, um Klimaziele zu erreichen

Sowjetische Architektur in Ust-Kamenogorsk, Kasachstan. Foto: shutterstock.com/Alexandre Holand

Ganz im Gegensatz zu Kasachstan: Das Land hat fossile Brennstoffe in großer Menge. Die Gaspreise sind im Vergleich zu Europa deutlich niedriger, wobei der Großteil der Energiewirtschaft auf der noch billigeren Kohle aufbaut. Kommunale und Wohngebäude sind in einem schlechten Zustand, die Technik ist veraltet. Es gibt keine Wärmezähler, sodass die Bewohner nicht wissen, wie viel Energie sie überhaupt verbrauchen.

Vorderstes Ziel der länderübergreifenden Plattform ist es hier deshalb, ein Bewusstsein für Energieeffizienz zu schaffen. Die kasachische Regierung hat sich dabei schon ambitionierte Ziele gesetzt – für sie vielmehr eine Imagefrage, um nötige Devisen ins Land zu bringen. 2013 wurde das Programm „Energieeinsparung 2020“ verabschiedet, zu dessen Punkten die Erhöhung der Energieeffizienz von Wohnhäusern und kommunalen Dienstleistungen und die Senkung der Energieintensität pro Quadratmeter um 30 Prozent zählt. „Wirtschaft und Kommunen haben jedoch noch keine Instrumente an die Hand bekommen, um diese Ziele zu erreichen“, erklärt dena-Expertin Elena Metzger, die kasachische Kommunen zum Thema Energieeinsparung berät. „Mit dem Länderdialog wollen wir diese Lücke schließen und deutsche Effizienzlösungen vor Ort einführen. Potenzial sehen wir dabei vor allem bei der technischen Gebäudeausrüstung wie Kühlung, Heiztechnik, Beleuchtung sowie auch für Automatisierungs-, Regelungs- und Steuerungssysteme.“

Anatoli Mikhalev, Sales Manager des deutschen Heiztechnikherstellers Viessmann für Belarus und Kasachstan, sagt, sein Unternehmen fühle sich in beiden Ländern sehr wohl. Das größte Problem bei der Energieeffizienz sieht er darin, dass in diesen Ländern „statt eines ganzheitlichen Ansatzes beim Energiesparen, auf staatlicher Ebene oft einzelne Aspekte in den Blick genommen werden“ und dass niedrige Energiepreise zu weniger Nachdruck bei Reformen führen.

Die Potenziale bei der Energieeffizienz von Gebäuden seien jedoch „riesig“. Während es in Deutschland um Einsparungen von 10 oder 15 Prozent gehe, könnten der Energieverbrauch und damit die Kosten in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion sogar halbiert werden. Das gilt – bei allen Unterschieden – für Russland, die Ukraine, Belarus und Kasachstan gleichermaßen.

Ihre Ansprechpartnerin für Projekte der länderübergreifenden Dialogplattform Osteuropa und Zentralasien