Die neue Null-Linie

Von Berlin über Brüssel bis zum Silicon Valley verpflichten sich Regierungen und Unternehmen zur Klimaneutralität. Wie das in der Praxis aussehen soll, ist noch weitgehend offen. Erste Ansätze und Rahmenbedingungen.

Illustration: Jens Bonnke

Von der breiten Öffentlichkeit eher wenig beachtet, ist Deutschland im Dezember 2019 eine weitreichende Verpflichtung eingegangen. Neun Seiten umfasst das erste deutsche Klimaschutzgesetz, mit einer zentralen Botschaft: Das Land wird bis 2050 treibhausgasneutral.

Was mit der Unterzeichnung des Pariser Klimaschutz-Abkommens begann, ist hier in nationaler Gesetzgebung verankert. Senkung der Emissionen um „mindestens 80“ oder „80 bis 95 Prozent“ lautete bis dahin die Formel, die seit 2010 im „Energiekonzept für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung“ festgeschrieben war. „Treibhausgasneutralität bis 2050“, heißt sie jetzt. Oder besser: runter auf die Netto-Null-Linie.

Wie kann das gelingen? Wie definieren wir die Null-Linie? Welche Rahmenbedingungen braucht es dazu? Der Plan war im Dezember 2019 klar umrissen: Ab 2020 mit Hochdruck an neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen in Deutschland wie Europa arbeiten, Förderung massiv ausbauen, Innovationen forcieren, konkrete Lösungen für die verschiedensten Bereiche der Wirtschaft entwickeln, eine eigene Strategie zum Aufbau und Ausbau einer Wasserstoff-Wirtschaft ausrollen.

Schwarzer Schwan, weißer Schwan

CO2-Speicherung in Island: Auf dem Gelände des Hellisheiði-Kraftwerks filtert eine Pilotanlage Kohlendioxid aus der Luft, das anschließend mineralisiert und im Untergrund gespeichert wird. (Bild: climeworks/ArniSaeberg)

Und dann kam Corona. Als „schwarzen Schwan“ beschrieben manche die rasche globale Ausbreitung der COVID-19-Pandemie: Ein seltenes Ereignis, das sehr unwahrscheinlich ist und extreme Konsequenzen haben kann. Der Begriff geht auf ein Buch des Publizisten Nassim Nicholas Taleb zurück, der sich allerdings dagegen wehrt, die Corona-Pandemie als „schwarzen Schwan“ einzuordnen. Eine globale Pandemie sei in seinem Buch klar und deutlich „ein Ereignis, das mit Gewissheit irgendwann eintreffen wird“, schreibt er in der Neuen Zürcher Zeitung: Corona ist also ein „weißer Schwan“.

Ob nun schwarz oder weiß – Corona hat ungeheure Konsequenzen: Einst florierende Unternehmen schlittern in die Insolvenz, Millionen Menschen bangen um ihre Jobs. Die wirtschaftlichen Folgeschäden der Pandemie sind enorm, ihre mittel- bis langfristigen Effekte schwer absehbar.

Aber die Krise gibt auch neue Impulse. Sie stellt Gewissheiten infrage. Der Wechsel ins Homeoffice gelingt in vielen Unternehmen und hat einen Digitalisierungsschub ausgelöst. Flug- und Reiseverkehr – beruflich wie privat – gehen massiv zurück, Meetings finden überwiegend digital statt. Effekte, die auch nach Corona weiterwirken, sind viele überzeugt. Das und der sinkende Energieverbrauch durch den wirtschaftlichen Einbruch könnten für Deutschland unerwartete Folgen haben: Das längst aufgegebene Klimaschutzziel für 2020 – eine CO2-Reduktion von 40 Prozent gegenüber 1990 – rückt in greifbare Nähe. International gesehen hat Corona sogar den größten, temporären Rückgang an Treibhausgasemissionen unter allen Krisen der vergangenen Jahrzehnte bewirkt.

Illustration: Jens Bonnke, Illustration: andesee

Mit Klimaschutz aus der Krise

Eine anfängliche Befürchtung, die Pandemie könne Energiewende und Klimaschutz in den Hintergrund drängen, hat sich nicht bewahrheitet. Gehandelt wird weiterhin, manchmal sogar entschlossener als vor der Krise. Es gebe eine „sprunghaft zunehmende Handlungsbereitschaft und ausgeprägte gesellschaftliche Akzeptanz für massive Interventionen – auch in Hinblick auf den erforderlichen ambitionierteren Klimaschutz“, analysiert der ehemalige Präsident des Wuppertal Instituts, Prof. Peter Hennicke.

Schon im April 2020 bekannte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Petersberger Klimadialog zu einem klaren Klima-Kurs aus der Krise. „Europa soll bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent werden“, betonte Merkel und schloss sich damit der Linie von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an. Im Hinblick auf die Corona-Konjunkturprogramme sagte Merkel, es sei wichtig, „dass wir nicht etwa am Klimaschutz sparen, sondern dass wir in Klimaschutz investieren.“ Auch UN-Generalsekretär António Guterres richtete einen Appell an die Staatengemeinschaft: „Wenn wir jetzt Steuermittel zur Rettung der Wirtschaft einsetzen, dann müssen grüne Arbeitsplätze und nachhaltiges Wachstum geschaffen werden. Die Rettungsschirme dürfen nicht überholte, umweltschädliche Industrien schützen.“

Die bis zum Sommer 2020 verabschiedeten Konjunkturprogramme auf nationaler und europäischer Ebene ermöglichen Investitionen in Klimaschutz und Energiewende in bisher ungeahnter Höhe. Allein das Corona-Paket der Bundesregierung vom Juni 2020 umfasst über 130 Milliarden Euro. Nach einer Analyse der dena und der Beratungsfirma Navigant sind 20 der insgesamt 57 Maßnahmen klima- und energiepolitisch relevant. Das Finanzierungsvolumen wird auf bis zu 56 Milliarden Euro geschätzt: etwa für die Förderung nachhaltiger Mobilität, den Ausbau der digitalen Infrastruktur oder die Stärkung der integrierten Energiewende. Noch hinzu kommen die Mittel aus dem bereits 2019 verabschiedeten Klimapaket der Bundesregierung mit einem Volumen von 55 Milliarden Euro und rund 40 Milliarden Euro für den Strukturwandel in Kohleregionen.

Und auf europäischer Ebene steht der „Green New Deal“, allen Anfechtungen zum Trotz: In ihrer ersten „State of the Union address“ im September 2020 bekräftigte Kommissionschefin Ursula von der Leyen die Erhöhung des EU-Klimaziels für 2030 von 40 auf 55 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990. „Wir werden auch 37 Prozent der Next-Generation-EU-Ausgaben direkt für den European Green Deal einsetzen“, kündigte sie an. Das sind in Summe immerhin knapp 300 Milliarden Euro aus dem europäischen Konjunkturprogramm.

Was heißt eigentlich klimaneutral?

Das Grundprinzip ist verlockend einfach, die Realität komplex. Das zeigt sich allein an der Vielzahl der Begriffe und Definitionen: So werden Konzepte wie Klimaneutralität, Treibhausgasneutralität oder CO2-Neutralität häufig synonym verwendet, obwohl sie längst nicht zum selben Resultat führen. Alle Ansätze beschreiben einen Ausgleich zwischen Emissionen und Senken. Aber wo genau die Netto-Null-Linie verläuft, kann sehr verschieden sein:

KLIMANEUTRALITÄT in seiner umfassendsten Form bedeutet: Sämtliche menschengemachten (anthropogenen) und natürlichen Faktoren, die den globalen Temperaturanstieg beeinflussen, müssen ausgeglichen werden. So kann die globale Durchschnittstemperatur unverändert bleiben. Zu den relevanten Faktoren gehören beispielsweise Luftverschmutzung – durch Ruß oder Feinstaub, Wolkenbedeckung sowie das Rückstrahlvermögen der Erdoberfläche.

TREIBHAUSGASNEUTRALITÄT beschreibt einen Zustand, in dem eine Balance zwischen anthropogenen Treibhausgasemissionen und Senken herrscht. Das Pariser Klimaabkommen definiert Treibhausgasneutralität als generelles Ziel: „(…) in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ein Gleichgewicht zwischen den anthropogenen Emissionen von Treibhausgasen aus Quellen und dem Abbau solcher Gase durch Senken (…) herzustellen (…)“. Zu den Treibhausgasen zählen neben Kohlendioxid (CO2) auch Methan, Lachgas, verschiedene Fluoride und Fluorkohlenwasserstoffe.

CO2-NEUTRALITÄT ist am wenigsten ambitioniert, denn sie bezieht sich nur auf den Ausgleich von Kohlen­dioxidemissionen, nicht auf die übrigen Treibhausgase. Unterschiedliche Ansätze gibt es auch dazu, wie sich ein Zustand der Neutralität herstellen lässt. Als eher schwache Variante gilt die Kompensation durch den Ankauf von Emissionsrechten. Mit den Erlösen werden emissions­reduzierende Aktivitäten in anderen Bereichen finanziert, etwa die Wiederaufforstung von Wäldern. Die einheitliche Bilanzierung dieser Mechanismen ist jedoch schwierig. Als effektiv gilt eher der direkte Ausgleich durch negative Emissionen: entweder durch natürliche CO2-Senken wie Meere und Wälder oder durch Technologien, die der Atmosphäre Treibhausgase entziehen.

Eine genaue Beschreibung der verschiedenen Ansätze enthält die dena-Analyse „Klimaneutralität – ein Konzept mit weitreichenden Implikationen“.

Wege zur Null-Linie skizzieren

dena-Leitstudie Aufbruch Klimaneutralität

Ziel der neuen Leitstudie ist es, Transformationspfade zu identifizieren, mit denen ein integriertes, treibhausgasneutrales Energiesystem erreicht werden kann. Sie soll Wirtschaftsakteuren eine strategische Orientierung zur Ausrichtung ihrer Geschäftsaktivitäten geben und der Politik konkrete Empfehlungen für Weichenstellungen anbieten. Damit knüpft sie an die dena-Leitstudie Integrierte Energiewende an, die im Juni 2018 veröffentlicht wurde. Wie in der ersten Leitstudie werden Partner aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft eingebunden, um möglichst alle relevanten Branchen- und Expertenperspektiven einfließen zu lassen. Die Veröffentlichung des Endberichts ist für Herbst 2021 geplant.

Mehr unter www.dena.de/integrierte-energiewende

Erste Konjunkturimpulse sind gesetzt. Und wenn die 27 EU-Staaten bis zum Jahresende 2020 auch formal das gemeinsame Ziel beschließen, bis 2050 klimaneutral zu werden, müssten in Folge die bisherigen Zielpfade angepasst werden. Denn sonst wäre die Kurve von 2030 an zu steil, um im Jahr 2050 sicher die Null-Linie zu treffen. Für Deutschland könnte das bedeuten, noch ambitionierter zu sein als die im Klimaschutzgesetz festgeschriebenen „mindestens 55 Prozent“ CO2-Reduktion bis zum Jahr 2030.

Und das angesichts einer keineswegs optimalen Ausgangsposition: Der Ausbau der erneuerbaren Energien hinkt hinterher. 2019 wurden hierzulande nur 325 neue Windräder mit einer Leistung von 1.100 Megawatt gebaut. Erforderlich wäre ein jährlicher Zubau von mindestens drei Mal so viel Leistung, um das Ziel eines Anteils von 65 Prozent erneuerbaren Energien im Jahr 2030 zu erreichen. Die Branche klagt über einen Mangel an Flächen und langwierige Genehmigungsverfahren. Dazu kommen ein stockender Netzausbau, eine zu geringe Sanierungsrate und stagnierende Emissionen im Verkehrssektor.

Wenn Deutschland es ernst meint mit dem großen Ziel, dann müssen also schnell Weichen gestellt und Lösungen gefunden werden. Und es muss Klarheit herrschen, wie Klimaneutralität definiert ist, welche Pfade zur Null-Linie führen. Genau hier setzt die dena mit der 2020 gestarteten Leitstudie Aufbruch Klimaneutralität an. Die Studie soll Unternehmen eine strategische Orientierung zur Ausrichtung ihrer Geschäftsaktivitäten auf dem Weg in eine klimaneutrale Gesellschaft und der Politik konkrete Empfehlungen für Weichenstellungen geben. „Wir wollen dazu beitragen, die Diskrepanzen zwischen dem ambitionierten Ziel der Klimaneutralität und den bis jetzt begrenzten Erfolgen auf dem Weg dorthin zu adressieren und möglichst auch aufzulösen“, sagt dena-Chef Andreas Kuhlmann.

Ähnlich wie die Vorgängerstudie aus dem Jahr 2018 soll auch die neue dena-Leitstudie Transformationspfade hin zu einem integrierten, klimaneutralen Energiesystem zeigen. Das Studiendesign führt das Modell einer sektoralen Betrachtung der Entwicklungen für Mobilität, Gebäude, Energiewirtschaft und Industrie fort und ergänzt es durch drei sektorenübergreifende Untersuchungsgebiete. „Wie in der ersten Leitstudie setzen wir auf die Zusammenarbeit mit Partnern aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, um aus möglichst vielen Branchen- und Expertenperspektiven ein

Gesamtbild zu entwerfen,“ betont Hannes Seidl, dena-Bereichsleiter Energiesysteme und Energiedienstleistungen.

Es gehe darum, gangbare Transformationspfade zu entwerfen und bei allen Herausforderungen zu zeigen, dass Klimaneutralität „ein Innovationstreiber für den Wirtschaftsstandort Deutschland sein kann“, ergänzt Christoph Jugel, Leiter Energiesysteme bei der dena. „Der frühe und breite Einsatz von treibhausgasarmen und -neutralen Prozesstechnologien sowie von Negativemissionstechnologien bietet große unternehmerische und industriepolitische Chancen“, ist er überzeugt.

Verantwortung übernehmen für den Klimaschutz: ein Forscher in einem Labor des Chemiekonzerns Bayer. (Foto: Bayer)

Schrittmacher Wirtschaft

Einige Unternehmen haben das erkannt und gehen voraus. Der Chemiekonzern Bayer etwa will bis 2030 klimaneutral sein. Das Traditionsunternehmen mit weltweit über 100.000 Mitarbeitenden hat sich zu den Zielen des Paris-Abkommens bekannt, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Auf die nationale Klimapolitik könne man nicht warten, schrieb der Vorstandvorsitzende Werner Baumann im „Handelsblatt“: „Es geht nicht zuerst darum, was Regierungen von uns verlangen, sondern darum, was wir als das Richtige erkennen.“ Die Wirtschaft müsse sich noch entschlossener zu ihrer Verantwortung für den Klimaschutz bekennen. Bayer will die Null-Linie durch Energieeffizienzmaßnahmen und die Umstellung auf Strom aus 100 Prozent erneuerbaren Energien erreichen. Verbleibende Emissionen will Bayer durch Zertifikate zugunsten von Klimaschutzprojekten kompensieren.

Selbst Apple, der Tech-Riese aus dem Silicon Valley, strebt Klimaneutralität bis 2030 an und will dabei seine Lieferanten mitnehmen. Dazu zählt der deutsche Batteriehersteller Varta, der die Knopfzellen für die kabellosen AirPod-Kopfhörer liefert. Apple setzt auf energieeffiziente Produkte, auf CO2-freie Aluproduktion, Ökostrom und Kompensationsmaßnahmen wie Aufforstung in Kenia und den Erhalt von Wäldern und Mangroven in Asien und Amerika. Weitere Tech-Unternehmen wie Microsoft oder die deutsche 1&1 wollen ihren Strombezug komplett auf Energie aus Wind und Sonne umstellen.

Ziel Klimaneutralität: Apple unter-stützte u. a. die Entwicklung einer Aluminium-Produktionsmethode,bei der keine Treibhausgase freige-setzt werden. (Foto: Apple)

Wie Apple und Bayer planen die meisten Unternehmen mit einem breiten Set an Maßnahmen. Energiesparen in der Produktion, Recycling und Strom aus Erneuerbaren gehören dazu. Aber auch CO2-Gutschriften aus Aufforstungsprogrammen und anderen Kompensationsmaßnahmen, bei denen CO2 vermieden oder wieder gebunden wird. Dabei wissen alle, dass Kompensationen nur eine Übergangs- und Nischenlösung sein können; sie reichen nicht aus, um das globale Problem des Klimawandels zu lösen.

Wie hoch die Hürden auf dem Weg zur Klimaneutralität sind, zeigt der Blick in einzelne Branchen. Beispiel Immobilienwirtschaft: Dort sind trotz zeitweise hoher Heizölpreise in den vergangenen Jahren die Klimaschutz-Erfolge ausgeblieben. Mit jährlich durchschnittlich 130 Kilowattstunden pro Quadratmeter beheizter Wohnfläche liegt der Heizenergiebedarf in Mehrparteienhäusern weiter auf dem Niveau von 2010 – hat das DIW Berlin festgestellt.

„Daran sieht man, dass die CO2-Bepreisung im Gebäudesektor zwar ein wichtiges Instrument ist, finanzielle Anreize allein aber nicht ausreichen“, sagt Christian Stolte, dena-Bereichsleiter Energieeffiziente Gebäude. Zumal es auch sozial nicht zumutbar sei, Mieten durch steigende Energiepreise beliebig zu verteuern. Stolte fordert flankierend eine intensive Energieberatung der Hauseigentümer, um auf die attraktive Förderung für die Dämmung der Gebäudehülle, gute Fenster und Heizungen auf Basis erneuerbarer Energien hinzuweisen. „Ein individueller Sanierungsfahrplan zeigt den optimalen Weg zu einem effizienten Gebäude. Eine gute Gebäudehülle, effiziente Technik, Wärmepumpen, Solarthermie, Holzheizungen oder auch Wärmenetze mit erneuerbaren Energien sind geeignete Bausteine“, sagt Stolte.

Revolutionäre Technologien gesucht

Bild: shutterstock/Jacques Tarnero

Während für die Wohnungswirtschaft immerhin schon viele Techniken verfügbar sind, stehen manche Industrien ganz am Anfang. Zementwerke emittieren beim Brennen von Calziumoxid weltweit bis zu acht Prozent der gesamten Klimagasemissionen. In Deutschland sind es laut Branchenverband vdz zwei Prozent. Alle Ansätze, das zu ändern, stecken im Forschungsstadium.

Auch die Stahlindustrie steht vor großen Herausforderungen. Viele der 84.000 Beschäftigten hierzulande arbeiten in einer der acht Hütten mit Hochofen, Stahl- und Walzwerk von Bremen bis Völklingen. Die Hütten verbrauchen nicht nur 24 Terawattstunden Strom pro Jahr, sondern emittieren auch 50 Millionen Tonnen CO2 – und zwar vor allem, weil Eisenerz mit Koks zu Roheisen umgewandelt wird und dabei CO2-frei wird. Technisch gesehen könnte Stahl auch durch die Reduktion des Eisenerzes mit Wasserstoff produziert werden – aber das würde den Stahlpreis von gut 500 Euro je Tonne auf 800 bis 950 Euro hochschnellen lassen und die deutschen Stahlkocher schnell aus dem Markt drängen. Die Bundesregierung hat darum in ihrem Handlungskonzept Stahl klargemacht, dass sie Einführung und Ausbau klimafreundlicher Techniken fördern will. In den Werken, in denen Stahlrecycling im elektrischen Lichtofen stattfindet, soll in Zukunft grüner Stahl „made in Germany“ zum Exportschlager werden. Einzelne Anlagen wie das Stahlwerk von ArcelorMittal in Hamburg sollen mit gutem Beispiel vorangehen. Das Unternehmen rechnet mit Investitionszuschüssen von mehr als 50 Millionen Euro und weiteren 120 bis 200 Millionen Euro jährlich, um die Mehrkosten auszugleichen. Auch ThyssenKrupp will seine Hochöfen mit Hilfe von grünem Wasserstoff klimaneutral machen und eine eigene Wasserstoffinfrastruktur für die Reduktion von Koks aufbauen. Die Internationale Agentur für erneuerbare Energien (IRENA) empfiehlt dagegen, die Reduktion direkt dort machen zu lassen, wo der Koks herkommt und sich mit Solarstrom leicht grüner Wasserstoff produzieren ließe: in Australien.

Neutral abheben

Für die Flugbranche gibt es ebenfalls keinen leichten Weg in die klimaneutrale Zukunft. Ihr Anteil an den Treibhausgasemissionen liegt bei zwei bis fünf Prozent, je nachdem ob man die reinen CO2-Emissionen oder deren Wirkung in den oberen Luftschichten zugrunde legt. Kurzfristig bieten Fluggesellschaften wie die Lufthansa ihren Kunden freiwillige Kompensationen an, langfristig brauchte es neue Technologien. Der europäische Flugzeugbauer Airbus hat erste kommerzielle „Zero-Emission“-Flugzeuge für bis zu 200 Passagiere für das Jahr 2035 in Aussicht gestellt. „Das wird uns Milliarden Euro kosten. Wir können das nicht allein machen“, sagt Glenn Llewellyn, Vizepräsident für emissionsfreie Flugzeuge. Im Mittelpunkt steht auch hier Wasserstoff: „Das ist der Treibstoff, den sehr viele Industrien brauchen“, sagt Llewellyn.

Ultimativer Stoff für die Null-Linie?

Egal ob als Speicher für überschüssigen Strom aus Wind und Sonne, als Brennstoff im Brennstoffzellen-Kleinkraftwerk im Keller oder als Antrieb für Flugzeuge, Schiffe, Züge und schwere LkW – Wasserstoff soll an vielen Stellen die Lücke schließen, die der Abschied von der gewachsenen fossilen Energieversorgung aufreißt. „Wasserstoff ist das Erdöl von morgen“, sagt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek.

Die Potenziale des Wunderstoffs beflügeln: EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen will europäische „Hydrogen Valleys“ schaffen – als Modernisierungsprogramm für die Wirtschaft und zur Belebung der ländlichen Regionen. Konkreter in ihren Vorschlägen ist die deutsche Bundesregierung mit ihrer Wasserstoffstrategie: Klimafreundlich hergestellter Wasserstoff soll demnach helfen, die CO2-Emissionen in Bereichen zu verringern, in denen Energieeffizienz und die direkte Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energien an ihre Grenzen geraten – etwa in der Industrie und im Verkehr. Dafür sollen auch hierzulande „Erzeugungsanlagen im industriellen Maßstab“ aufgebaut und ein Markt für CO2-freien Wasserstoff etabliert werden, der mehr als fünf Millionen Arbeitsplätze schafft.

Ein Rahmen für die Null-Linie

Andreas Kuhlmann

„„Wir müssen bestehende Hemmnisse abbauen, um die integrierte Energiewende voranzubringen, also die verstärkte Nutzung von Strom in Wärme und Verkehr. Ein wettbewerbsfähiger, von hohen Abgaben entlasteter Strompreis ist die Basis dafür““

dena-Geschäftsführer Andreas Kuhlmann

Innovationen braucht es für die technologischen Herausforderungen in den Branchen und Sektoren. Doch beim politischen Handlungsrahmen ist das nicht minder gefragt. Ökonomen wie die Wirtschaftsweise Prof. Dr. Veronika Grimm sprechen gar von einem „Paradigmenwechsel“, den es heute braucht, um passende Anreize für das große Ziel Klimaneutralität zu setzen.

Bislang ist der gesetzliche Rahmen für Energiewende und Klimaschutz von einer Fülle oftmals kleinteiliger Regelungen geprägt, die in immer komplexeren Verfahren (nach)gesteuert werden. Allein das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat über 100 Paragraphen und etliche Verordnungen. Es gibt Energieeffizienz-Vorschriften für Häuser, Hausgeräte und Müllverbrennungsanlagen. Für Autos, Kettensägen, Züge, Flugzeuge und selbst Binnenschiffe hat der Gesetzgeber in mühseliger Kleinstarbeit individuelle „Emissionsstandards“ auch für Klimagase festgelegt.

Unter Ökonomen herrscht daher schon lange Konsens zu zwei großen Linien: eine Neuordnung des Systems von Steuern und Abgaben im Energiebereich und eine Fokussierung auf marktwirtschaftliche Instrumente wie die CO2-Bepreisung und den CO2-Handel. Als einen ersten Schritt zur Reform des Abgabensystems hat die dena, zusammen mit dem Finanzwissenschaftlichen Forschungsinstitut an der Universität zu Köln (FiFo) und der Stiftung Umwelt­energierecht, eine Absenkung der EEG-Umlage auf null vorgeschlagen. Zur Gegenfinanzierung soll unter anderem die Stromsteuer steigen. So könnten Spielräume für Investitionen in Klimaneutralität entstehen, das Regelungssystem entschlackt werden und Hürden für neue Geschäftsmodelle entfallen.

Zweite Linie: die durchgängige Bepreisung von CO2. Deutschland beginnt ab 2021 einen nationalen Handel für fossile Brennstoffe in den Bereichen Wärme und Verkehr mit einem Startpreis von 25 Euro pro Tonne CO2, der in den Folgejahren schrittweise auf maximal 65 Euro im Jahr 2026 ansteigen soll.

Nach oben zeigen auch die Preise im europäischen Emissionshandel. Schon vor der Corona-Pandemie hatte die EU beschlossen, ab 2021 die Gesamtmenge der Emissionsrechte sukzessive zu reduzieren – um 2,2 Prozent jährlich. Dieser Korridor gilt bisher nur bis zum Jahr 2030 – für die neuen, langfristigen Klimaziele der EU müssen die Emissionsrechte weiter verknappt werden. Das trifft wohl zunächst die 11.000 Anlagen der Energiewirtschaft, die energieintensive Industrie und (seit 2012) den innereuropäischen Luftverkehr, die gemeinsam für etwa 45 Prozent der CO2-Emissionen der EU verantwortlich sind.

Negative Emissionen – für ein positives Ergebnis

Natürliche CO2-Senken: Aufforstung in Burkina Faso. (Foto: Ecosia)

Mehr Tempo bei erneuerbaren Energien und Effizienz, breiter Einsatz von Wasserstoff und anderen synthetischen Kraftstoffen, innovative Produktionstechnologien, ein solider marktwirtschaftlicher Rahmen – das alles ist unerlässlich, um das große Ziel Klimaneutralität zu erreichen. Es reicht aber nicht. Denn es wird auch im Jahr 2050 Emissionen geben, die sich nicht vermeiden lassen: zum Beispiel Methan und Lachgas aus der Landwirtschaft, Prozessemissionen aus der Industrie. Hier kommen weitere Bausteine ins Spiel: CO2-Senken, Kohlendioxidabscheidung (CCS) und die Nutzung von Kohlenstoff (CCU) (siehe Interview).

Lange blieb unbeachtet, dass der Weltklimarat IPCC in fast allen seinen Szenarien für die Zukunft zwingend eine „Kohlendioxid­entnahme“ aus der Atmosphäre vorsieht. In Deutschland ist das ein vergiftetes Thema, nachdem Betreiber von Kohlekraftwerken in den 2010er Jahren ihre alten Meiler mit Kohlendioxidabscheidung vor dem drohenden Ausstieg aus der Kohleverstromung retten wollten – und am Widerstand der Menschen an den Standorten scheiterten.

Mit dem im Jahr 2020 besiegelten Ausstieg aus der Kohleverstromung ist dieser Konflikt befriedet, und es besteht die Chance auf einen Neuanfang. Deutschland brauche dringend einen faktenorientierten Diskurs, mehr Forschung und Expertise sowie eine Strategie zur CO2-Speicherung, fordern dena-Chef Kuhlmann und Oliver Geden, Senior Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), in einem gemeinsamen Beitrag für ZEIT Online. 90 bis 95 Prozent der Treibhausgasemissionen könnten über die verschiedenen Klimaschutzmaßnahmen vermieden werden. Es verbleiben fünf bis zehn Prozent, bei denen das nicht möglich ist. Für Deutschland wären das rund 60 bis 120 Millionen Tonnen pro Jahr. Das ist zwei- bis viermal mehr als derzeit durch Aufforstung und besseres Waldmanagement jährlich aus der Atmosphäre gezogen wird. Auf dieses Zusammenspiel kommt es künftig an: So viele Emissionen wie möglich reduzieren, so viele wie nötig der Atmosphäre entziehen – im Ergebnis die Null-Linie treffen.

Interview

„Wir könnten sofort anfangen, Kohlenstoff im Acker zu speichern“

Jessica Strefler (Bild: Rebekka Brather)

Die Wissenschaftlerin Jessica Strefler forscht am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zu CO2-Senken und negativen Emissionen, also der Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre mit Hilfe natürlicher und technischer Methoden. Seit Jahren stehen CO2-Senken in den Berichten des Weltklimarates. Warum werden sie gerade jetzt Thema?

Seit Jahren stehen CO2-Senken in den Berichten des Weltklimarates. Warum werden sie gerade jetzt Thema?

JESSICA STREFLER: Ohne negative Emissionen wird es sehr schwierig, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Deutschland und die EU haben beschlossen, dass sie bis 2050 treibhausgasneutral werden wollen. Um die Emissionen auf netto null zu bringen, werden wir CO2-Entnahmen aus der Luft brauchen. Denn in der Landwirtschaft oder in Branchen wie Luftfahrt, Schwerlastverkehr, Glas, Beton und Stahl lassen sich Emissionen nicht ganz vermeiden.

Welche Möglichkeiten gibt es, das umzusetzen?

STREFLER: Es gibt viele Möglichkeiten: einerseits natürlich die Wiederaufforstung oder die Verdichtung bestehender Wälder. Oder die Speicherung von Kohlenstoff in Böden, etwa durch die schonendere Bearbeitung von Äckern und Feldern, das Zurücklassen von Ernterückständen oder die Verwendung von Deckfrüchten. So wird der organische Kohlenstoffgehalt im Boden erhöht und die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre kann mit ökologischen Vorteilen kombiniert werden. Technische Verfahren wie Direct Air Capture (DAC), bei dem CO2 aus der Luft herausgefiltert und geologisch gespeichert wird, sind dagegen sehr energieintensiv. Diese Energie müsste natürlich CO2-neutral erzeugt werden. In Island gibt es zum Beispiel eine Anlage, die CO2 in Basaltgestein bindet, mit Hilfe von Strom aus einem Geothermie-Kraftwerk. Bei jeder Technik müssen wir uns genau die Kosten, die Skalierbarkeit und die ökologische Nachhaltigkeit ansehen.

Wie ausgereift sind denn die genannten Verfahren? Und welche sind wirtschaftlich?

STREFLER: Wir könnten sofort anfangen, Kohlenstoff im Ackerboden zu speichern. Da können wir auch ökologisch nichts falsch machen. Diese Lösung lässt sich aber nicht beliebig hochskalieren, denn die Böden sind nur begrenzt aufnahmefähig. Durch die technische Abscheidung aus der Luft lassen sich dagegen sehr große Mengen CO2 dauerhaft binden. Aber die Kosten sind aktuell noch sehr hoch. Andere Verfahren befinden sich noch in der Forschung. Interessant wäre zum Beispiel die Verwendung von Carbon-Fasern aus CO2 in Beton.

Wie sieht die Bilanz von CO2-Senken im Vergleich zur Vermeidung von CO2-Emissionen aus?

STREFLER: Die Klimaziele erreichen wir nur, wenn wir Emissionen vermeiden. Erneuerbare Energien und andere CO2-Vermeidungstechniken sind eindeutig die günstigeren Lösungen. Die Senken, die wir heute diskutieren, sind nur für Emissionen sinnvoll, die sich sehr schwer vermeiden lassen. Wenn wir die heute jährlich global emittierten 40 Milliarden Tonnen CO2 durch DAC wieder einbinden wollten, dann müssten wir eine Industrie aufbauen, die zehnmal so groß ist wie die heutige Erdölindustrie – und die fast die gesamte heutige Weltenergieerzeugung verschlingen würde.

Welche Rolle spielt die CO2-Bepreisung?

STREFLER: Der Preis im Emissionshandel ist die Benchmark dafür, ob eine Technik wirtschaftlich ist. Das gilt auch für CO2-Senken. Techniken zur Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre werden erst dann wirtschaftlich, wenn sie günstiger sind als die Vermeidung von Emissionen, das heißt, wenn ihre Kosten niedriger sind als der CO2-Preis.

Mehr zum Thema

Berlin Energy Week 2021

Der Berlin Energy Transition Dialogue am 16. und 17. März 2021 war die internationale Konferenz zur globalen Energiewende. Mehr als 50 Ministerinnen... Mehr lesen

Headerbild: shutterstock/Thawatchai Thandee