„Die größten Herausforderungen sind zugleich die größten Beschleuniger“

Mit der urbanen Energiewende verändern sich auch die Regeln, nach denen die Städte der Zukunft gestaltet werden. Die Stadtplanung steht vor einem Paradigmenwechsel. Die Architekten und GRAFT-Gründer Lars Krückeberg und Thomas Willemeit im Gespräch mit dena-Geschäftsführer Andreas Kuhlmann über wachsende Komplexität, neue Kooperationen und faszinierende Chancen.

dena-Geschäftsführer Andreas Kuhlmann (li.): „Wir wollen zeigen, was heute schon technologisch zur Verfügung steht und wie man das in den Städten und Kommunen am besten zur Anwendung bringt.“ Foto: dena/Patrick Desbrosses

dena: Wir wollen über die urbane Energiewende sprechen. Was verbinden Sie damit? Was bedeutet ‚urban‘ für Sie?

Thomas Willemeit: Urbanität heißt in erster Linie Sesshaftigkeit, also Gebäude, Häuser, gebaute Strukturen, artifizielle Umgebung oder anders: die Verdrängung von Naturraum. Aber heute stehen Städte fast mehr für Mobilität und Vernetzung. Sie sind Knotenpunkte, geben uns zunehmend nur temporäre Behausung. Die erfolgreichsten Städte heute sind in der Lage sich mit anderen Städten zu vernetzen. Sie sind Umschlagplätze für physische wie geistige Mobilität, lernen und entwickeln sich ständig weiter.
Lars Krückeberg: Das Urbane geht bereits seit Jahrzehnten zunehmend ins Suburbane über. Die Grenze zwischen dem Urbanen und dem Ländlichen lässt sich immer schwerer definieren. Man kann das Urbane eher im Umkehrschluss festmachen: Das wirklich Ländliche ist nicht angeschlossen, es mangelt an Vernetzung. Da hält heute keine Eisenbahn und in der Zukunft nicht der Hyperloop. Und wenn es diese urbanen Verbindungsmöglichkeiten – Fortkommen, Ausbildung und vieles mehr – auf dem Land nicht mehr gibt, führt das zu Veränderungen, zu einem Gefühl des Abgehängt-Seins und zur Abgrenzung. Das haben wir mehrfach gesehen. Für ein funktionierendes Zusammenleben brauchen wir deshalb eine gute Balance von Städtischem und Ländlichen, wir müssen beides zusammendenken.
Andreas Kuhlmann: Ich denke bei Urbanität spontan an Vielfältigkeit, Buntheit, Mobilität, Kultur, Begegnung und Dialog. Aber ich sehe auch ein ungeplantes „Volllaufen“ dieser Orte, eine drohende Überfrachtung. Wir haben die Hoffnung und Herausforderung zugleich, dass urbane Räume, in denen heute weltweit 50 Prozent der Menschen leben und 70 Prozent des CO2-Ausstoßes anfallen, künftig klimafreundliche Lebensräume sind. Wie soll das alles zusammengehen? Eine riesige gestalterische Lücke. In der Politik, aber auch bei allen beteiligten Akteuren, die an diesen Fragestellungen arbeiten müssen. Es gibt erste gute Beispiele und Lösungsansätze, aber wir stehen noch ganz am Anfang. Und in der Tat: Man kann das Urbane nicht ohne das Ländliche denken. Das war schon immer so, aber durch die mit der Energiewende verbundene Dezentralisierung und Vernetzung unserer Energiesysteme kommt eine zentrale Komponente hinzu.

„Erst langsam begreifen wir, dass der größte Erfolg der Städte darin besteht, in ein Netzwerk eingebunden zu sein.“

Thomas Willemeit, Architekt, GRAFT Gründungspartner

Thomas Willemeit: Vernetzung ist ein gutes Stichwort. Es findet gerade ein Paradigmenwechsel statt. In der gesamten Periode der Moderne haben sich Städte über den Wettbewerb definiert und nach ihrer Identität gesucht. Wir sind gewohnt zu fragen: Was macht Paris aus, was Berlin? Erst langsam begreifen wir, dass der größte Erfolg der Städte darin besteht, in ein Netzwerk eingebunden zu sein. Das zweite Phänomen: Wir alle haben ambivalente Wünsche. Auf der einen Seite steht unser Bedürfnis nach Austausch und Lernen, auf der anderen Seite unser Wunsch nach Heimat, nach einem geschützten Rückzugsort. In Berlin kann man das sehr gut beobachten: Alle leben in ihren Kiezen, rennen aber trotzdem zum Streetart-Museum und hauen mit dem nächsten Flieger nach New York ab. Diese Kombination scheint uns wichtig zu sein.

dena: Auf die Städte entfällt weltweit der höchste Anteil am globalen CO2-Ausstoß. Eine erfolgreiche Klimaschutzstrategie steht und fällt also mit den urbanen Räumen. Was sind aus Ihrer Sicht da die dringlichsten Aufgaben?

Lars Krückeberg: Wir machen uns viele Gedanken darüber, wie wir die Energie da hinbekommen, wo sie gebraucht wird. Erneuerbare Energien sind für Architekten, Städteplaner oder Infrastrukturplaner total spannend. Vereinfacht kann man sagen, unsere Energiequelle ist nicht mehr das Feuer, sondern eine für die meisten viel abstraktere Energie. Die Herausforderung ist, wie wir dies mit der vorhandenen Infrastruktur verbinden. Denn wir können nicht alles über Bord werfen. Die nächste Frage ist, wie wir das mit neuen Formen der Mobilität verbinden, mit der Digitalisierung. Am Ende sind das alles Energie-Fragen und die größten Herausforderungen sind zugleich die größten Beschleuniger. Unsere Zukunft gestalten vermutlich weniger die tradierten Automobilbauer, sondern Software-Innovatoren, die ihre Autos drucken und Software-Schnittstellen programmieren.

„Entscheidend ist für mich die Frage, wie wir künftig die verschiedenen Infrastrukturen miteinander vernetzen. Das betrifft die vorhandenen wie die neuen, oft digitalen Infrastrukturen und eine Verknüpfung, ja beinahe Verschmelzung von Systemen, die bislang nebeneinander herlaufen. Hier haben Städte ein riesiges, weitreichendes Gestaltungspotenzial.“

Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung

Andreas Kuhlmann: Entscheidend ist für mich die Frage, wie wir künftig die verschiedenen Infrastrukturen miteinander vernetzen. Das betrifft die vorhandenen wie die neuen, oft digitalen Infrastrukturen und eine Verknüpfung, ja beinahe Verschmelzung von Systemen, die bislang nebeneinander herlaufen. Hier haben Städte ein riesiges, weitreichendes Gestaltungspotenzial. Besonders spannend ist das bei der Frage, wie Mobilität in Zukunft gelebt wird. Viele aktuelle Mobilitätskonzepte sind zu isoliert gedacht, berücksichtigen nicht die allgemeine Infrastruktur, die Wohninfrastruktur oder andere Bedürfnisse in der Stadt. Architekten und Vordenker der Integrierten Energiewende könnten da gemeinsam eine wichtige Rolle spielen.

Thomas Willemeit: Stimmt. Wir hatten in der Stadtplanung eine Jahrhunderte alte Tradition, den gesamten urbanen Raum in einem Prozess zu gestalten, der Gebäude und Verkehrsinfrastruktur wie Straßen und Brücken einschließt. In der Moderne hat dann eine extreme Spezialisierung stattgefunden: Der eine plant das Gebäude, der nächste die Heizung, ein anderer die Bushaltestelle und dann kommt noch der Brandschutz. Heute haben wir ein Hintereinander verschiedener Planungen in urbanen Räumen. Und dabei kommt nicht mehr der Masterplaner – der Stadträume baut oder einen Marktplatz plant – zuerst, sondern die Verkehrsplaner kommen zuerst: Sie legen fest, wo die Wohnstraßen liegen, wo die Durchgangsstraßen.
Wir glauben, dass sich das in naher Zukunft grundlegend ändert. Denn viele der Regeln, nach denen wir Städte entwerfen, haben mit Emissionen zu tun: Lärm oder Abgase, zum Beispiel. In dem Moment, wo wir diese Emissionen verlieren – etwa durch Elektromobilität – gibt es einen Paradigmenwechsel in der Stadtplanung. Mobilität und Immobilität kommen sich näher. Verkehr und Wohnen können integriert gedacht werden.

„Eigentlich sind wir in einer absolut aufregenden Zeit. Wir Planer spielen gewissermaßen städtebauliches Schach und müssen sehr viele Varianten durchdenken können. Internetphänomene, wie beispielsweise AirBnB oder Trendbewegungen wie die WeWork Kultur, implementieren Wandel in unseren Städten von heute auf morgen.“

Lars Krückeberg, Architekt, GRAFT Gründungspartner

Lars Krückeberg: Wenn die Lärmemissionen sinken, können wir beispielsweise andere, kostengünstigere Fassaden bauen. Das Auto kann im Wohnzimmer oder autonom geparkt werden; es verursacht ja keine Abgase mehr.
Andreas Kuhlmann: Richtig, solche Planungen gibt es. Und das sind genau die tiefgreifenden Veränderungen und Potenziale, die eine Integrierte Energiewende erschließen kann. Dennoch frage ich mich manchmal: Ist das noch Zukunftsmusik oder sind wir schon mittendrin?
Thomas Willemeit: Ja, diese Entwicklungen finden im Kleinen wie auch im Großen teilweise bereits statt. Wir haben zum Beispiel ein Städtebau-Projekt in China, das als reines Umsteigequartier geplant ist und aktiv Verkehrs- und Wohnstrukturen kombiniert. Zugleich werfen viele Gebäude heute genug Energie ab, um ein Elektromobil zu speisen – das könnte durchaus der Standard werden. Aber letztlich hängt es stark von jedem Einzelnen und insbesondere von seiner Investitionsbereitschaft ab.
Andreas Kuhlmann: Was mir Sorge macht, ist das gigantische Planungsdefizit, vor dem wir stehen. Welche Supernova müssen wir eigentlich zünden, um das zu ändern? Wie bekommen wir die Vielen, die urbane Räume heute neu denken in die richtigen Funktionen und in die Umsetzung?
Thomas Willemeit: Das ist richtig, wir haben ein mächtiges Defizit. Für die Architekten ist zum Beispiel die wachsende Komplexität eine große Herausforderung. Wir werden immer mehr zu Generalisten, müssen immer mehr Themen im Planungsprozess beherrschen. Wir müssen die ‚business cases‘ einer E-Mobilitätsplattform lange kennen, bevor sie sich bewährt haben, weil diese Plattform etwa in dem von uns geplanten Haus integriert sein soll. Wir müssen verstehen, ob es noch Sinn macht, Tiefgaragen zu bauen oder Parkplätze, weil sich die Autos in zehn Jahren vielleicht alle selbst wegparken.
Aber zugleich werden wir in 50 Jahren immer noch in 90 Prozent der Gebäude wohnen, die heute stehen. Für diese unterschiedlichen Gebäude gibt es vollkommen unterschiedliche Konzepte. In einem Neubau werden wir versuchen, so energiesparend wie möglich zu planen. In einem Altbau kann es viel sinnvoller sein, auf eine Wärmepumpe zu setzen und nicht so stark auf Dämmung.

Lars Krückeberg, Thomas Willemeit und Andreas Kuhlmann (v. l. n. r.) diskutieren über die Zukunft urbaner Räume. Foto: dena/Patrick Desbrosses

Lars Krückeberg: Eigentlich sind wir in einer absolut aufregenden Zeit. Wir Planer spielen gewissermaßen städtebauliches Schach und müssen sehr viele Varianten durchdenken können. Internetphänomene wie beispielsweise AirBnB oder Trendbewegungen wie die WeWork Kultur implementieren Wandel in unseren Städten von heute auf morgen. Hier sehen wir, welchen Einfluss dies auf städtische Funktionen hat. Um die Energiewende in diesem Sinne in die richtige Richtung zu treiben, brauchen wir vor allem ein flexibles System, das sich schnell an aktuelle Herausforderungen adaptieren lässt.
Andreas Kuhlmann: Manche sind sicher schneller unterwegs. Aber am Ende brauchen wir sie alle, die ganze Flotte. Denn wir haben uns weltweit Klimaschutzziele gesetzt, allen voran im Pariser Abkommen. In Europa und Deutschland sind diese Ziele sehr ambitioniert. Der Druck ist gigantisch. Aber in den Städten scheint das noch nicht überall angekommen zu sein. Der arme Stadtrat fragt sich jetzt: Was soll ich tun? Das adressieren wir mit unserem Projekt „Urbane Energiewende“. Wir wollen zeigen, was heute schon technologisch zur Verfügung steht und wie man das in den Städten und Kommunen am besten zur Anwendung bringt. Bei verschiedenen Energiewende-Technologien haben wir über Lernkurven sehr schnell Effizienz erreicht und große Märkte geschaffen. Bei Städten, habe ich den Eindruck, fängt jeder für sich an nach Lösungen zu suchen. Es gibt kaum Ansätze, die man als Folie nehmen kann und auf denen man dann schnell aufbauen kann. Hier brauchen wir gemeinsame Plattformen und ein wesentlich höheres Tempo …
Thomas Willemeit: … damit sich das am Ende lohnt. Genau! Und massentaugliche Anwendungen, wie beispielsweise Apps, die es mir, wie bei vielen anderen Dingen auch, erlauben, meinen Energieverbrauch zu optimieren. Dazu gehört für mich aber auch, dass eine Bundesregierung, die solche Ziele setzt, mit allen Konsequenzen dafür einsteht, sie einzuhalten.

„Integrierte Energiewende heißt auch neue Kooperationen“ - Andreas Kuhlmann zu Besuch im Berliner Büro von GRAFT. Foto: dena/Patrick Desbrosses

dena: Sie haben die wachsende Komplexität beschrieben, mit der Architekten konfrontiert sind. Wie lösen sie diese Herausforderung? Stellen Sie immer mehr Spezialisten ein, vernetzen Sie sich stärker mit anderen Experten? Wie funktioniert integrierte, urbane Energiewende in Ihrer Arbeit?

Thomas Willemeit: Zunächst mal durch Kommunikation nach außen und Eigeninitiative. Wir warten nicht auf einen Bauherrn oder Auftraggeber, sondern initiieren selbst Zukunfts- und Forschungsprojekte und zeigen damit auch nach außen, dass wir offen sind und bereit, unser Wissen auszubauen.
Lars Krückeberg: Ein guter Architekt ist eigentlich per se ein Nachhaltigkeitsexperte, denn er agiert immer an den Schnittstellen von Ökologie, Ökonomie, Sozialem und Kulturellem. Er kann die einzelnen, sehr unterschiedlichen Punkte verbinden, ein Netzwerk kreieren und daraus eine Lösung vorschlagen. Nicht weil er das erfunden hat, sondern weil er die richtigen Leute zusammenbringt. Gleich einem Regisseur, der einen Film nicht ohne Schauspieler, Editor, die Musiker oder die Post Production machen kann. So ist das auch bei uns. Manchmal haben wir eine Idee für einen Film und stellen uns eine Crew zusammen. Das ist alles viel zu komplex, um alles selbst zu machen. Deshalb ist auch die Idee eines Stararchitekten, einer One-Man-Show so absurd. Wir selbst waren immer schon ein Team, von Anfang an zu Dritt, haben über den richtigen Weg gerungen und gestritten. Ich glaube, dass Architekten eine neue Bedeutung in dieser Gesellschaft spielen können, wenn sie diese Herausforderungen annehmen.

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GRAFT wurde 1998 von Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit in Los Angeles gegründet und arbeitet seither weltweit in den Bereichen Architektur, Stadtentwicklung, Design und Kommunikation. Das „hybrid office“ mit weiteren Standorten in Berlin und Peking zeichnet sich durch seine experimentierfreudige und interdisziplinäre Entwurfspraktik und seine innovative Formsprache aus. Neben der Bearbeitung von klassischen Planungsaufgaben von Wohnhäusern, Hotel-, Gesundheits-, Gewerbe-und Kulturbauten, initiieren die GRAFT-Gründer auch sozial nachhaltige Projekte wie Make it Right, Solarkiosk und Heimat2.

dena: Das bedeutet doch auch, mehr Risiken einzugehen.

Lars Krückeberg: Ohne Verlust von Balance gibt es keinen Schritt nach vorn. Ohne sich auf gewisse Risiken einzulassen und ohne für diese Verantwortung einzustehen, wird es uns nicht gelingen, die nächsten Schritte zu gehen.
Thomas Willemeit: In dem Moment, in dem Architekten technische Experimente wagen – mit einer neuen Fassade, mit neuer Haustechnik –, verlassen sie schon vertrautes Terrain. Dann muss man mit einem Bauherrn zusammenarbeiten, der gleichermaßen ambitioniert ist. Nur wenn beide diese Herausforderung vor Augen haben, wird daraus ein Lernschritt. Wir haben zum Beispiel bei Plusenergiehäusern unglaublich lange gebraucht, bis die Hardware mit der Software-Steuerung zusammengeführt war. Denn das gibt es nicht von der Stange. Wir müssen uns als Architekten bewusst sein, dass wir sehr viele Dinge noch entwickeln müssen, zusammen mit der Industrie, mit verschiedenen Experten. Wir stehen erst am Anfang der Lernkurve.
Lars Krückeberg: Wir Architekten sind mit unserer gestalterischen Arbeit in der Lage, frei zu denken. Wir können Skizzen einer Zukunft entwerfen, von einem Haus oder einer ganzen Stadt. Wir gehen gerne nach vorne. Weil das so ist, werden wir gerne mal benutzt von der Politik, um ins Feuer zu gehen – weil sie das selbst so nicht können. Aber am Ende bringt unser Vorpreschen nur etwas, wenn die Politik und die Gesellschaft als Ganzes mitziehen und mitgestalten.
Andreas Kuhlmann: Wer Zukunft gestalten will, braucht klare Orientierung. Bei Energiewende und Klimaschutz hängen wir in Deutschland aktuell zu sehr zwischen Baum und Borke. Einerseits geprägt von Sorgen über Jobs, Preise und Komplexität. Andererseits mit ambitionierten Zielen und vielen Akteuren, die neue Technologien zur Verfügung haben und etwas verändern wollen. Wir fokussieren uns zu wenig auf die faszinierenden Chancen, die Energiewende und Klimaschutz mit sich bringen. Auch das ist eine Aufgabe der Vielen. Integrierte Energiewende heißt auch, neue Kooperationen zwischen den verschiedenen Akteuren anstoßen.
Thomas Willemeit: Ja, richtig. Wir müssen aber auch massiv Überzeugungsarbeit in der Breite leisten. Die Betonung liegt auf Arbeit, nicht auf Spaß. Wie nötig das ist, erleben wir tagtäglich. Wir haben uns zum Beispiel an allen Wettbewerben für die Bebauung des ehemaligen Flughafens Tempelhof in Berlin beteiligt. Wir haben ein Musterbeispiel an partizipatorischer Stadtentwicklung abgeliefert, ein eigenes Energiekonzept entwickelt. Das war Arbeit von Monaten und Jahren. Da ist eine Vision entstanden von einer neuen Stadt vor der Haustür. Und dennoch gibt es diese Bürgerinitiative, die das alles verhindern will. Da ist die Verbindung zur Bevölkerung abgebrochen. Wir als Architekten alleine können so ein Problem nicht lösen.

dena: Wo funktioniert diese Verbindung denn besser, wo gibt es ein gutes Zusammenspiel zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik bei der Umsetzung der urbanen Energiewende?

Lars Krückeberg: Ganz klar an der Westküste der Vereinigten Staaten. Das hat mit jahrelanger Entwicklung zu tun, aber auch mit Bedingungen, die perfekt ineinandergreifen und einen eigenen Mikrokosmos erzeugt haben, der sich schwer toppen lässt. Es gibt mit Stanford eine der besten Universitäten, eine ausgeprägte Start-up-Kultur, die ganze Finanzwirtschaft steht bereit, die Immobilienwirtschaft ist eingebunden und so weiter. Das ist wie ein sehr schnell drehender Wirbelsturm. Hier in Deutschland wie andernorts wird versucht, das nachzubauen, und Berlin ist gar nicht so schlecht darin. Aber die Geschwindigkeit und dieses enorme Netzwerk sind in Kalifornien unerreicht.
Thomas Willemeit: Man muss gar nicht so weit weg blicken. Ich komme gerade aus Norwegen. Da ist, gefühlt, jedes zehnte Auto auf der Straße ein Tesla. Nur weil die norwegische Regierung ein paar Bedingungen geändert hat, unter anderem die Besteuerung, ist der Markt für E-Autos regelrecht explodiert. Ja, vieles ist kompliziert zu regeln. Aber ich wünsche mir, dass wir auch in Deutschland den Hebel endlich beherzter umlegen.

STÄDTE. MOBILITÄT. DIGITALISIERUNG.

Wie kann die Energiewende im Verkehrssektor aussehen? Was muss umgehend angegangen werden, um die Klimaschutzziele im Verkehr zu erreichen? Wie können synthetische Energieträger dazu beitragen? Diskutieren Sie mit uns auf dem dena Energiewende-Kongress am 26. und 27. November 2018 im bcc. Mehr erfahren

Themenschwerpunkt

Urbane Energiewende

Das Wachstum der Welt spielt sich vor allem in den urbanen Zentren ab: Schon heute leben mehr als die Hälfte aller Menschen in Städten, bis zum Jahr 2050 sollen es schon sieben von zehn sein. In vielen Ländern ist die ökologische Stadterneuerung deshalb ein drängendes Thema. Doch die Herausforderungen auf den verschiedenen Kontinenten sind zum Teil sehr unterschiedlich. Einblicke in die Praxis der urbanen Energiewende in Deutschland und in China.

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