„Die Dynamik ist in China deutlich höher“

Der steigende Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bringt einige Herausforderungen für das Stromnetz mit sich. Wie wird das Netz flexibler und leistungsfähiger, damit erneuerbare Energien besser integriert werden können? Wie kann der Netzausbau optimiert werden?

dena-Teamleiterin Carolin Schenuit Foto: Die Hoffotografen GmbH

Dies sind Fragen, die Experten in Deutschland und Europa genauso wie in China bei der Umsetzung der Energiewende beschäftigen. In einem Interview erläutert dena-Teamleiterin Carolin Schenuit Hintergründe zur Netzplanung und Netzentwicklung in Deutschland, Europa und China.

Die Entwicklung und Planung des Stromnetzes ist wesentliche Voraussetzung für den erfolgreichen Umbau des Energiesystems. Mit welchen Themen beschäftigen sich Deutschland, Europa und China in diesem Zusammenhang? Hat China vergleichbare Herausforderungen und Ziele?

Ja, viele Themen und Herausforderungen sind in China ähnlich. Auch dort wird der Ausbau erneuerbarer Energien mit Nachdruck vorangetrieben; auch dort gibt es zum Teil große räumliche Distanzen zwischen den Regionen mit viel natürlichem, erneuerbarem Energiedargebot und Regionen mit großer Stromnachfrage.

„If Denmark and Germany can help China to change the energy system, this really supports their own policies and their goal to reduce the emissions of CO2.“

Kaare Sandholt, Chief Expert, China National Renewable Energy Centre (CNREC)

Wie der erneuerbare Strom am effizientesten transportiert werden kann, wo und wie schnell der Ausbau der Erneuerbaren fortgesetzt wird, wann und wie die erzeugte Energie verbraucht wird und welche Technologien eingesetzt werden sollten, um all diese Prozesse zu steuern – das sind Fragen, die Netzbetreiber, Energiepolitiker und Bürger hier wie dort beschäftigen.

Ein sehr wichtiger Unterschied besteht allerdings zwischen den grundsätzlichen Ausgangsbedingungen: China hat einen enormen Entwicklungsprozess hinter sich, in der Wirtschaft und bei der Anbindung der Bevölkerung an grundlegende Teile der öffentlichen Versorgung, zu der auch die Stromversorgung gehört. Zum Teil dauert dieser noch an. Dadurch sind die Herausforderungen an die Energiewirtschaft und auch die Dynamik der Entwicklung deutlich höher. Sowohl Kraftwerke, die den benötigten Strom liefern, als auch die entsprechenden Stromnetze, die diesen Strom transportieren können, sind im ganzen Land im Rekordtempo ausgebaut worden. Dabei konnte die Versorgungsqualität noch nicht flächendeckend das sehr hohe Niveau erreichen, dass wir aus Deutschland und den größten Teilen Europas kennen. Außerdem kamen dabei viele neue Technologien zum Einsatz, die nicht immer zuverlässig waren.

688000 km
beträgt die Länge der Übertragungsleitungen
in China
310000 km
beträgt die Länge der Übertragungsleitungen
in Europa
Ca. 6
Terawattstunden betrug die Abregelung
erneuerbarer Energieträger durch Einspeisemanagement-Maßnahmen in Deutschland im Jahr 2017
Ca. 49
Terawattstunden betrug die Abregelung
von Solar- und Windenergie in China im Jahr 2017

Zum Projekt „Deutsche Energiewende-Expertise für China“ – Beitrag der dena zur Arbeit des China National Renewable Energy Center (CNREC)

Netzentwicklung und Netzplanung sind zentrale Themen des Projekts „Deutsche Energiewende-Expertise für China“, in dem die dena gemeinsam mit Experten aus Dänemark und den USA die Arbeit des chinesischen Think Tanks CNREC (China National Renewable Energy Center) unterstützt.

Ziel des Projekts ist es, die Energiepolitik in China zielgerichtet weiterzuentwickeln, so dass die chinesische Energiewende effizient und möglichst schnell voranschreiten kann. Die dena bringt dabei insbesondere ihre Expertise zu technischen und regulatorischen Fragen bei den Themen Netzentwicklung und Smart Grid sowie Förderpolitik für erneuerbare Energien ein. Die Ergebnisse der internationalen Expertengruppe fließen unter anderem in die seit 2016 jährlich erscheinende Publikation „China Renewable Energy Outlook“ (CREO) ein sowie in Berichte, Workshops und Fachartikel. In Kürze wird der CREO 2018 veröffentlicht sowie ein Bericht zur Netzplanung.

Wie sieht es ganz konkret mit den technischen und infrastrukturellen Voraussetzungen des Stromnetzes in China im Vergleich zu Europa aus. Wie wirken sich diese auf die Netzentwicklung aus?

Nach wie vor ist das Stromnetz in China noch nicht so flächendeckend wie in Deutschland und Europa ausgebaut. Das ist aber auch den geografischen Gegebenheiten geschuldet. Einige sehr dünn besiedelte Regionen Chinas, zu denen auch Hochgebirgs- und Wüstenregionen zählen, werden auch zukünftig weniger eng angebunden bleiben. Es gibt aber klare Vorgaben seitens der chinesischen Politik, einen nationalen Strommarkt voranzutreiben. Um das zu erreichen, ist es erforderlich, dass Handel und damit auch physischer Stromaustausch möglich ist. Derzeit fehlt es aber vor allem an einer angemessenen Vernetzung zwischen den Provinzen. Vor diesem Hintergrund wird aktuell diskutiert, ob zunächst eine stärkere physische Verbindung, eine Vermaschung der Netze zwischen den Provinzen nötig wird oder ob man sich im ersten Schritt auf Handelsmöglichkeiten auf Basis der bestehenden Gleichstrom-Höchstspannungstrassen fokussiert. Aus europäischer Perspektive empfehlen wir, mit der stärkeren Vermaschung zu beginnen, um einen fairen und diskriminierungsfreien Marktzugang für alle Akteure in einem nationalen Markt gewährleisten zu können.

China treibt die technische Weiterentwicklung von Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) stark voran und setzt diese vermehrt ein. Gibt es ähnliche Bestrebungen in Deutschland und Europa?

Die HGÜ-Technologie ist in einem großtechnischen Maßstab noch nicht sehr lange verfügbar. Zu der Zeit, als in China der Bedarf nach Übertragungskapazitäten für große Strommengen über große Distanzen sehr dringlich wurde, also vor etwa zehn Jahren, war die Technologie gerade marktreif. Aus diesem Grund gibt es heute mit Abstand die meisten HGÜ-Kilometer weltweit in China. Wie wir wissen, ist die Dynamik des Netzausbaus in Deutschland und Europa sehr viel schleppender, besonders, wenn es um transnationale Leitungen geht. Grundsätzlich ist bei den Planungsverantwortlichen die HGÜ-Technologie natürlich als nutzbare Technologie bekannt und wird auch dort eingeplant, wo sie Sinn macht. Wie die dena zusammen mit einem europäischen Konsortium im EU-Projekt e-highways 2030 erarbeitet hat, ist eine eigene HGÜ-Netzebene, die die europäischen Länder miteinander vernetzt, absehbar nicht nötig, da das europäische Netz bereits sehr hoch vermascht ist. Eine vereinzelte Netzverstärkung durch HGÜ-Leitungen dort, wo die Vermaschung absehbar nicht ausreichen wird, wird jedoch empfohlen.

Quelle Titelbild: shutterstock/smiling_z

transition 2019

Das Thema urbane Energiewende steht im Fokus der neuen Ausgabe des dena-Unternehmensmagazins „transition“. In Reportagen, Interviews, Grafiken und Analysen beleuchtet das Magazin den Fortschritt der integrierten Energiewende, stellt interessante Menschen und Ideen vor und liefert Geschichten, Zahlen und Fakten zur dena und ihren Projekten. Zur Onlineausgabe

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