„Das größte Problem sind fehlende Energieeffizienzstandards im Bausektor.“

Wenn es um Modernisierung oder Bau von kommunalen und Wohngebäuden geht, ist in Kasachstan das Zentrum für Wohnungs- und Kommunalwirtschaft der richtige Ansprechpartner. Geschäftsführerin Makka Shingazieva sagt, wo die größten Probleme liegen und was Kasachstan dagegen tun will.

Makka Shingaziyeva ist Geschäftsführerin des Zentrums für Wohnungs- und Kommunalwirtschaft (KazZentrum) in Kasachstan. Die Behörde arbeitet im Auftrag des Ministeriums für Investitionen und Entwicklung der Republik Kasachstan und führt Projekte und Beratungen durch.

dena: Wie würden Sie den energetischen Zustand der kommunalen und Wohngebäude in Kasachstan beschreiben?

Makka Shingazieva: Ein Teil der kommunalen und Wohngebäude Kasachstans wurde im letzten Jahrhundert gebaut. Derzeit macht der Wohnungsbestand Kasachstans nach Angaben lokaler Behörden 321.000 Wohngebäude aus, davon 78.400 mit mehr als zwei Parteien. Davon müssen 26 Prozent dringend umfassend saniert werden. Wärmedämmmaßnahmen sollten dabei obligatorisch sein. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur beträgt der Jahresverbrauch an Wärmeenergie in Gebäuden hierzulande circa 240 Kilowatt pro Quadratmeter. Das ist zwei bis drei Mal mehr Energie als in entwickelten europäischen Ländern. Wir haben also noch einiges zu tun.

Welche Probleme gibt es auf dem Weg zum nachhaltigen Bauen in Kasachstan?

Das größte Problem sind fehlende Standards für Energieeffizienz im Bausektor. Unsere Gesetzgebung sieht zwar Maßnahmen zum energieeffizienten Bauen vor, wir haben in Kasachstan jedoch keinen konsolidierten Standard wie zum Beispiel Deutschland mit dem Passivhaus. Hier sehen wir großes Potenzial und haben daher ein Pilotprojekt geplant, das einen solchen Standard zukünftig gesetzlich verankern soll. Wir rechnen dabei mit einer Zusammenarbeit mit der dena.

Ca. 78400
Mehrfamilienhäuser
gibt es in Kasachstan
26 %
der Mehrfamilienhäuser in Kasachstan
müssen dringend umfassend saniert werden
Ca. 240 kW
Pro Quadratkilometer
verbrauchen Kasachstans Gebäuden jedes Jahr an Wärmeenergie
Etwa 2 x
soviel Wärmeenergie wie in europäischen Ländern
verbrauchen Kasachstans Gebäude
Makka Shingazieva

„Momentan ist die kommunale Infrastruktur in Kasachstan mit ihrem hohen Abnutzungsgrad und großen Wasser- und Energieverlusten auf immense Investitionen angewiesen.“

Makka Shingazieva, Geschäftsführerin des Zentrum für Wohnungs- und Kommunalwirtschaft (KazZentrum)

Welche Ziele hat Kasachstan in den Bereichen Wohngebäude und kommunale Infrastruktur?

Primär geht es darum, qualitativ hochwertige und erschwingliche kommunale Dienstleistungen zu schaffen, aber auch komfortable Wohnbedingungen. Strategische Aufgaben sind daher zum einen die Modernisierung der Wohn- und Kommunalwirtschaft mit neuen energieeffizienten Technologien. Zum anderen wollen wir für Transparenz sorgen bei einzelnen Energieversorgern, Anbietern kommunaler Dienstleistungen und Wohnungsunternehmen, die Mehrfamilienhäuser verwalten.
Momentan ist die kommunale Infrastruktur in Kasachstan mit ihrem hohen Abnutzungsgrad und großen Wasser- und Energieverlusten auf immense Investitionen angewiesen.  Gleichzeitig haben wir das Problem, dass Verbraucher misstrauisch sind, da sie hohe Rechnungen für Versorgungsleistungen bezahlen müssen. Die Branche ist auch generell nicht sehr attraktiv für Investoren. Das wollen wir verbessern, um neue Investitionen anzuziehen.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung dabei?

Kasachstan plant derzeit, eine nationale digitale Plattform für die Wohn- und Kommunalwirtschaft aufzubauen – „E-SHANYRAQ”. Durch dieses einheitliche Informationssystem soll der Bereich für alle Beteiligten transparenter werden. Die Bewohner sollen damit mehr Kontrolle über ihre Kosten für Haushalt und kommunale Dienstleistungen bekommen und auch die Möglichkeit, sich online bei der Verwaltung ihrer Häuser zu engagieren und bei relevanten Entscheidungen mit abzustimmen. Wohnungsunternehmen wiederum werden gezwungen, ihre Geschäfte transparenter zu gestalten. Und Energieversorger können ihre Produktion an den Bedarf anpassen. Auch Behörden und Ministerien können sich mit dem Big-Data-System ein umfassendes Bild der Branche machen und gezielt Modernisierungsmaßnahmen ergreifen oder Managemententscheidungen treffen.

In welchen Bereichen sehen Sie besonderes Potenzial für die Kooperation mit deutschen Unternehmen?

Deutsche Erfahrungen sind für Kasachstan vor allem bei der Verwaltung von Wohnhäusern interessant. (*Anmerkung der Redaktion: In Kasachstan bilden sich derzeit erste Hauseigentümergemeinschaften, diese Struktur ist aber noch nicht etabliert.) Ebenso wichtig sind neue Technologien im Bereich Gebäudesanierung und Modernisierung der kommunalen Infrastruktur – zum Beispiel zur Wärme- oder Wasserversorgung.

Welche Vorteile hat für Sie die Teilnahme an der länderübergreifenden Expertenplattform?

Der Austausch über die Entwicklung der Wohn- und Kommunalwirtschaft in den postsowjetischen Staaten ist sehr wertvoll. So können wir uns mit Projekten vertraut machen, die in benachbarten Ländern realisiert werden.
Darüber hinaus kommt man gut mit Wohn- und Kommunalexperten aus verschiedenen Ländern ins Gespräch und kann später eventuell mit ihnen kooperieren. Die Plattform hilft bei der Suche nach potenziellen Investoren. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mögliche Partner in Deutschland anzusprechen und ihnen eine aktive Teilnahme an der Modernisierung der Wohn- und Kommunalwirtschaft Kasachstans anbieten.

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