Energiewende international

Passivhaus heißt auf Mandarin "Bei Dong Fang". Und was hat die dena damit zu tun?

Chinas Städte ersticken im Smog, gleichzeitig zieht es immer mehr Menschen in die urbanen Zentren. Höchste Zeit für ein Umdenken im Städtebau: Auf rund 30 Baustellen lernen chinesische Planer, Architekten und Bauleute deutsche Standards energieeffizienten Bauens kennen. dena-Experten vermitteln Know-how, sichern die Qualität der Planung und Bauarbeit und fördern Kooperationen zwischen Unternehmen beider Länder. Ein Besuch in Jinan, der Hauptstadt der Provinz Shandong.

Es ist warm an diesem Julidonnerstag in Jinan, der Sechs-Millionen-Metropole südlich von Peking. Stefan Schirmer, seit 2007 Experte für energieeffizientes Bauen und Qualitätssicherung bei der dena, und seine Kollegin Yu Chuai begehen mit einigen Dutzend interessierten Fachleuten die Baustelle eines der über 30 Effizienzhaus-Pilotprojekte in China. Nicht selten kommen zu diesen Terminen an die hundert Teilnehmer.

Heute sind offizielle Vertreter der Provinzregierung Shandong, Mitarbeiter der chinesischen Baubehörde CSTC (Center of Science and Technology of Construction), Immobilienentwickler und Planer aus anderen Städten und Provinzen sowie Vertreter deutscher und chinesischer Unternehmen dabei. Auch der Leiter des Architektur-Colleges von Jinan, Herr Han, ist anwesend.

Auf dem Gelände seiner Hochschule entsteht ein Musterhaus, von dem später alle Studierenden lernen sollen. Stefan Schirmer erklärt, worauf es beim energieeffizienten Bauen ankommt, seine deutsch-chinesische Architekten-Kollegin unterstützt mit Detailwissen und Übersetzung. Damit alle Anwesenden sie gut verstehen, spricht sie sicherheitshalber in ein Megafon.

Wie man Effizienzhäuser in China populär macht

„Auch in Deutschland hat es gedauert, bis wir einen guten energetischen Standard hatten.“

Stefan Schirmer, dena

An jedem der vier Tage, an denen die deutschen dena-Experten die Errichtung des Musterhauses in Jinan begleiten, finden Rundgänge auf der Baustelle statt. An diesem letzten Workshop-Tag nehmen sich Stefan Schirmer und Yu Chuai noch einmal besonders viel Zeit, um alle Details genau zu erklären. „Die Vermittlung von Know-how ist eine zentrale Aufgabe der dena“, sagt der Passivhaus-Experte. „Der Wissenstransfer steht im Vordergrund.“ Denn Schirmer und das dena-Team versuchen, energieeffizientes Bauen und insbesondere Effizienzhäuser in China populärer zu machen. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag dazu, die Energiewende in der Wirtschaftsmacht Stück für Stück voranzubringen.

Das ist dringend notwendig: In China wird innerhalb von zwei Jahren so viel Wohnfläche neu gebaut, wie Deutschland insgesamt hat. Auf die Gebäude entfallen etwa 40 Prozent des Energiebedarfs im Land – für Heizung im Norden und für Kühlung im Süden. Energieeffizienz kann entscheidend dazu beitragen, die Luft in den Städten sauberer zu machen und Ressourcen zu sparen.

„Das ist natürlich ein längerer Prozess“, sagt Stefan Schirmer. Nur allmählich könne man Verbesserungen erkennen. „Auch in Deutschland hat es schließlich eine Zeit gedauert, bis ein guter energetischer Standard entwickelt wurde.“ Lange etwa habe das Thema Wärmedämmung bei Architekten nicht besonders hoch im Kurs gestanden, weiß er aus eigener Erfahrung. Und selbst, als vor über 25 Jahren die wissenschaftlichen Institute begannen, Ideen zu entwickeln, habe es bis zum Durchbruch noch eine ganze Weile gedauert.

Abschlussbild Bau-Workshop vom Pilotprojekt Sino-German Energy-Efficient Buildings „Shandong Urban Construction Vocational College Laboratory Building” Foto: @dena/picture alliance/WANG Feng

Die dena arbeitet schon seit fast 10 Jahren hier

Die dena arbeitet im Auftrag der deutschen Ministerien seit fast 10 Jahren eng mit den chinesischen Behörden zusammen und viele chinesische Planer und Architekten interessieren sich mittlerweile für das deutsche Fachwissen rund um energieeffizientes Bauen. Die deutschen Kenntnisse, das erfährt Stefan Schirmer vor Ort, werden in China überaus geschätzt. „Bei den Rundgängen über die Musterhaus-Baustelle nutzen unsere Fachleute wertvolle Chancen zum Austausch. Hier lernen sie Technologien kennen, die die Zukunft des Bauens in China maßgeblich mitbestimmen werden“, sagt Xiaoling Zhang von der chinesischen Baubehörde CSTC.

Ministry of Housing and Urban-Rural Development (MoHURD): Das 1988 gegründete Ministerium ist für Wohnungswesen, Städtebau und Infrastruktur zuständig. Es arbeitet bereits seit 2006 mit der dena in der deutsch-chinesischen Arbeitsgruppe zur Förderung von energieeffizientem Bauen zusammen. Neben den Ministerien beider Länder engagieren sich die dena, die chinesischen Baubehörde Center of Science and Technology of Construction (CSTC) sowie die Chinese Society for Urban Studies (CSUS).

Gemeinsam mit dem chinesischen Bauministerium MoHURD hat die dena Standards für Energieeffizienz in Neubauten entwickelt. „Wir schätzen die Zusammenarbeit mit den Experten der dena“, sagt Aixing Han, Vertreter des chinesischen Bauministeriums. „Als Team machen wir energieeffizientes Bauen am praktischen Beispiel erlebbar. Mit deutschen Standards, die wir auf die chinesischen Klimaregionen übertragen haben, fordern wir die chinesische Baubranche heraus und fördern zugleich eine nachhaltig effiziente Entwicklung im Markt.“ Inzwischen haben die Chinesen sogar eine Vokabel für Passivhaus: „Bei Dong Fang“ heißt es auf Mandarin.

Mit der Zusammenarbeit klappt es auch auf sprachlicher Ebene recht gut. Dank seiner beiden deutsch-chinesischen Kollegen – neben der Architektin Yu Chuai ist oft auch Herr Yang Zhang, der Haustechnikingenieur, mit auf Reisen – ist der gegenseitige Austausch kein Problem. Die beiden dena-Mitarbeiter machen einen Fachdolmetscher überflüssig, aber auch ohne sie kommt Stefan Schirmer, der selbst ein paar Brocken Chinesisch spricht, inzwischen gut zurecht. Auf Konferenzen, Kongressen, bei Terminen mit dem chinesischen Bauministerium oder mit Behörden wie dem CSTC ist Englisch inzwischen die gemeinsame Sprache.

Auf der Baustelle heißt es: Zeichenstift statt Wörterbuch

Auf der Baustelle sieht es da schon anders aus. Englisch spricht hier kaum jemand. Der Architekt und Qualitätsprüfer aus Deutschland verständigt sich dann mithilfe seines Zeichenstifts und des Skizzenblocks. Auch seine Erfahrung hilft ihm. Durch Zahlen und mit Fingerzeig auf Materialien erklärt er den aufmerksamen Kollegen ohne viele Worte, was es zu beachten gelte. Beim Effizienzhaus geht es insbesondere um die korrekte Schichtenreihenfolge. Zu diesem Zweck ist im Modellhaus in Jinan, anschaulich und leicht verständlich, eine Ecke ausgespart: Hier können sich Besucher im Querschnitt durch Fassade, Putz, Dämmmaterial bis auf den Grundstein ein genaues Bild des Effizienzhaus-Aufbaus machen und die Bauarbeiter des Pilotprojektes im Collegecampus geschult werden.

Hinter dem dena-Team liegen inzwischen vier Tage Arbeit in Jinan. Angefangen hatte der Besuch zum Wochenbeginn mit einer Konferenz. Hier waren auch Vertreter des Bauministeriums anwesend. Nach dem offiziellen Lunch ging es dann auf die Musterhaus-Baustelle zu einem ersten Rundgang. Dabei waren auch Mitarbeiter deutscher und chinesischer Unternehmen für Fensterbau, Luft-  und Wasserabdichtung, Wärmedämmung und Befestigungstechnik.

„Deutsche Technik hat bei uns ein hohes Ansehen, ist aber oft zu teuer.“

Wen Linfeng, CSTC

Die dena bringt Wirtschaftsvertreter beider Länder zusammen. Deutsche Hersteller können als Zulieferer beispielsweise von hocheffizienter Haustechnik oder Baumaterialien einen neuen Markt erschließen. Die Bedingungen sind jedoch andere als in Deutschland: „Deutsche Materialien, deutsche Technik haben bei uns ein hohes Ansehen. Sie sind aber oftmals zu teuer“, erklärt Wen Linfeng, stellvertretende Direktorin des CSTC. „Um hier erfolgreich zu sein, müssen die Unternehmen Produkte anbieten, die günstiger sind, ohne dabei Abstriche an der Qualität zu machen.“ Das könne vermehrt gelingen, wenn deutsche Unternehmen in China produzieren.

Eco-Cities – 13 Pilotprojekte für sauberere Luft

Smog über der Stadt Jinan

Die Aufgaben der insgesamt 16 dena-Mitarbeiter, die für Kooperationen mit China zuständig sind, gehen über das Themenfeld „Energieeffizientes Bauen“ hinaus. Die Themen Luftreinhaltung und Energieeffizienz in der Industrie bilden einen weiteren Schwerpunkt, ebenso das Projekt „Eco-Cities“. Hier sucht die dena in 13 Pilotstädten nach Lösungen zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes und nach Wegen für eine energieeffiziente Stadtentwicklung. Weil die Zentralregierung das Problem der Umweltverschmutzung nicht allein lösen kann, wirbt die dena bei den Regierungen in den Provinzen für verbesserte Energieeffizienzstandards. Neben der Politikberatung zählt auch die Weiterentwicklung von Standards und Benchmarks zu den Handlungsfeldern. Pilotprojekte wie das in Jinan sind Beispiele hierfür. Abgerundet wird das Angebot der dena durch strategische Studien und Durchführung verschiedener Veranstaltungen in China.

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Nicole Pillen

T: +49 (0)30 66 777 - 420
F: +49 (0)30 66 777 - 699

pillen@dena.de

Für die dena-Experten steht bereits im Herbst die nächste Reise an. Zwei volle Monate werden es sein, in denen die Architekten China bereisen. Dann warten sechs Gebäude auf ihre Endabnahme – vom Hochhaus bis zu Schulen. Im Oktober steht ein Besuch der „Housing-Expo“ in Peking auf dem Programm. Das chinesische Bauministerium veranstaltet die Messe. Im Rahmen dessen überreicht die dena  gemeinsam mit dem CSTC die Effizienzhaus-Urkunden für die zuvor zertifizierten Projekte. Und natürlich wird die dena weitere Bau-Workshops veranstalten, so wie in Jinan. Dann wird das bewährte Architektenteam bei seinen Baustellenbegehungen wieder über energieeffizientes Bauen informieren – und so die Energiewende in China ein weiteres Stück voranbringen.

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